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Mit herzzerreißendem Quietschen kam Leas Drahtesel zum Stehen. Wie jeden Morgen verfehlte ihr Knie den Laternenpfahl nur um Haaresbreite, und wie immer bemerkte sie den alltäglichen Beinaheunfall nicht. Noch halb im Schlaf stieg sie ab und parkte ihre dampfende Halblitertasse mit Yasmintee auf einem Schaltkasten. Herzhaft gähnend löste sie die schwere Fahrradkette von ihrem Hals und verband ihr altersschwaches Gefährt umständlich mit der Laterne. Die Prozedur dauerte fast zwei Minuten, weil sich die weiten Ärmel ihres selbst gestrickten Ringelpullovers immer wieder im Schloss verfingen. Ihre Mutter hatte sich mehr als einmal lautstark darüber gewundert, wie sie in diesem Zustand jeden Morgen die vier Kilometer Berufsverkehr freihändig, mit einer riesigen Tasse Tee auf einem kaum fahrtüchtigen Rad, überstehen konnte.
Mit einem liebevollen Klaps auf den Sattel verabschiedete sich Lea von „Rosi“, wie das Rad schon seit Kindertagen hieß, griff sich ihren Tee und schlenderte zum Museum hinüber. Langsam befasste sich ihr Geist mit dem vor ihr liegenden Tag. Es würde ruhig werden; den Rueland Frueauf hatte sie letzte Woche abgeschlossen, und so würden heute nur Routinearbeiten auf sie warten. Nicht, dass es im Leben einer Restauratorin jemals besonders hektisch zuginge. Die Ruhe und das Alleinsein waren vielleicht das Schönste an ihrem Beruf.
Walter Trommler, der schon zum Inventar gehörende Wachmann des Museums, öffnete ihr.
„Guten Morgen, Frau Vogel“, begrüßte er sie mit der besonderen Herzlichkeit, die er sich immer speziell für sie aufzusparen schien. Wortkarg nickte sie ihm zu und war schon fast an ihm vorbei, als er sie linkisch noch einmal ansprach. „Man wartet schon ungeduldig auf Sie“, berichtete er eifrig.
Die Ankündigung ließ den letzten Rest Müdigkeit von Lea abfallen. „Dieselben Leute wie letzte Woche?“ Sie hatte noch nie eine Beschwerde über ihre Arbeit bekommen und hoffte, dass sich das heute nicht ändern würde. Eine Beschwerde konnte gleichbedeutend mit einem nicht wieder gutzumachenden Schaden sein.
„Nein, nein“, beruhigte Trommler sie. „Ganz andere Leute. Aber sehr ungeduldig.“
Ein neuer Auftrag also.
Viel zu sehr in Gedanken, um sich zu verabschieden, machte sie sich auf den Weg zu ihrer Werkstatt. Die Aussicht, ein neues Kunstwerk anvertraut zu bekommen, war sehr verlockend. Sie mochte es nur nicht, wenn Fremde sie persönlich an ihrem Arbeitsplatz besuchten. Überhaupt war es ihr unangenehm, fremde Menschen zu treffen.
Der alte Wachmann verzichtete bei ihr wie immer auf den Hinweis, dass Getränke in den Ausstellungsräumen und den Werkstätten streng verboten waren.

Schon vor der Feuerschutztür ihrer Werkstatt konnte Lea die laut diskutierenden Männerstimmen hören. Es schien keinen Streit zu geben; dem Lärmpegel nach zu urteilen versuchte man, sich mit nackter Stimmgewalt gegenseitig zu übertönen. Lea brauchte fast eine Minute, bis sie sich endlich dazu durchringen konnte, hineinzugehen.
„Frau Vogel!“ Dr. Konrad Holzmann, der Direktor des Museums, begrüßte sie ebenso überschwänglich wie lautstark. Es war das erste Mal, dass sie den distinguierten älteren Herrn die Stimme erheben hörte. Offensichtlich war dies dem Ziel geschuldet, die Aufmerksamkeit der anderen Männer auf sie zu lenken. Als er ihr jedoch die Hand gab, warf er einen missbilligenden Blick auf ihre Tasse.
Die anderen Männer verstummten tatsächlich. Alle schauten sie verdutzt an. Ein Anzugträger mit leicht erkennbarem Toupet, der ihr im Laufe der Begrüßung als Dr. Gerber vorgestellt wurde, war von ihrem Anblick sichtlich wenig angetan. Lea hatte schon häufiger Gutachten des Kunsthistorikers in den Händen gehalten. Wenn er mit dem neuen Stück zu tun hatte, musste es wirklich um etwas Besonderes gehen.
„DAS ist also Frau Vogel“, stellte Dr. Gerber noch einmal fest. „Verfügt sie denn auch ganz sicher über die benötigten Erfahrungen ...“
Weiter kam er nicht.
„Frau Vogel ist zwar erst vierundzwanzig, aber mit Sicherheit die fähigste, umsichtigste und zuverlässigste Spezialistin, die Sie in ganz Nordeuropa finden werden“, erklärte Dr. Holzmann. In seiner Stimme klang aufrichtige Entrüstung mit. Lea wusste, was ihr Chef von ihr hielt. Dennoch nippte sie verlegen an ihrer Tasse. Als sich der Direktor ihr wieder voll väterlichem Stolz zuwandte, blitzte es kurz ärgerlich in seinen Augen. Mit großer Bestimmtheit nahm er ihr die Tasse aus den Händen und stellte sie auf einen Tisch.
Während Dr. Gerber mit den Augen rollte, schob sich ein rundlicher Bauunternehmer namens Maximilian Schröder in den Vordergrund.
„Ich habe vollstes Vertrauen zu Frau Vogel“, sagte er. „Man sieht ihr die Künstlerin förmlich an.“ Lea runzelte wenig erbaut von dem fragwürdigen Kompliment die Stirn.
„Wie Herr Dr. Holzmann bereits sagte, steht die Qualifikation von Frau Vogel nicht zur Debatte“, meinte Dr. Heinz. Der stets grau gekleidete Mann erinnerte an einen Geier und war Lea als Anwalt des Museums flüchtig bekannt. „Wir sollten ihre Meinung wegen des Fundes hören.“
„Ja natürlich!“ Schröder griff nach einer großen hölzernen Transportkiste, doch Dr. Gerber war schneller. Besitzergreifend legte er die Hände auf den Verschluss. Als der Unternehmer mit einem fragenden Blick innehielt, wandte sich der Kunsthistoriker betont langsam der Kiste zu und öffnete sie mit wenigen Handgriffen. Die spürbare Ungeduld seiner Bewegungen strafte sein Gehabe Lügen.
Zum Vorschein kam ein von einem weißen Tuch geschütztes Gemälde von etwa siebzig mal hundert Zentimetern. Gemeinsam mit Dr. Holzmann bugsierte er das offenbar ungewöhnlich schwere Objekt zu einer freien Staffelei und setzte es behutsam wie ein rohes Ei darauf ab. So hastig, dass Lea beinahe das Herz stehen blieb, riss Schröder das schützende Tuch von dem Kunstschatz herunter. Als das Gemälde sichtbar wurde, setzte ihr Herz tatsächlich mehrere Schläge aus. Entsetzt hob sie die Hände vor den Mund.
Der Rahmen war ein wahres Meisterwerk; mit seltsamen Ornamenten überladen, die entfernt an Drachen oder Katzen erinnerten. Die Vergoldung strahlte wie am ersten Tag, und die Verzierungen waren von einer Perfektion und Detailverliebtheit, wie Lea sie selten zu Gesicht bekommen hatte. Und doch war der Rahmen nicht verspielt. Für sie hatte er eher etwas Unheimliches an sich. Wie eine Totenmaske, durchfuhr es sie ohne jeden Zusammenhang.
Tatsächlich schmückte der Rahmen etwas, das getötet worden war.
Das Bild war offensichtlich einem blindwütigen Barbaren in die Hände gefallen. Bis zum letzten Millimeter war es von einer dicken grünen Farbschicht bedeckt. Man hatte sich nicht die Mühe gemacht, es zu überstreichen, sondern einfach eine Unmenge Farbe darüber gegossen. Oder war das ein Unfall gewesen? Nein, dafür war die Schicht zu gleichmäßig. Lea war entsetzt.
Trotz der eigenartigen Motive konnte sie die Ornamentik des Rahmens der Zeit des Rokoko zuordnen. Das Bild musste also mindestens 250 Jahre alt sein. Ein Kunstwerk überdauerte ein Vierteljahrtausend und dann kam irgendein Barbar daher und vernichtete es. Sie musste sich beherrschen, um nicht in Tränen auszubrechen. In einer väterlichen Geste tätschelte Dr. Holzmann ihren Oberarm.
„Ja, es ist eine Katastrophe“, meinte er. Dr. Gerber rümpfte die Nase. Der Gutachter schien keine emotionale Beziehung zur Kunst zu haben.
„Was sagen Sie dazu?“, wollte er wissen. Es klang, als hätte sie die Farbe über das Bild gegossen. Doch Lea beachtete ihn kaum. Fassungslosigkeit lag in ihrer Stimme.
„Wie ist das passiert?“
„Das ist weder relevant noch kennen wir die Antwort“, meinte Dr. Gerber ungnädig. „Können Sie es restaurieren?“
„Wir kennen die Antwort nicht?“ Die Verwunderung ließ Lea das Entsetzen überwinden. Bevor der Historiker antworten konnte, mischte sich Schröder ein.
„Nein! Ist das nicht unglaublich mysteriös?“
„Ich … weiß nicht?“
„Natürlich, das können Sie auch nicht wissen!“ Für Schröder schien das ruinierte Kunstwerk ein großer Glücksfall zu sein. „Ich habe das Bild bei Abrissarbeiten gefunden. Es war in einem zugeschweißten Tresor aus dem 19. Jahrhundert, den jemand im Fundament seines Hauses eingegossen hat. Ist das nicht unglaublich?“ Begeistert klatschte er in die Hände. „Wenn das kein waschechtes Geheimnis ist! Ich kann gar nicht erwarten zu erfahren, was darauf zu sehen ist. Es muss wahnsinnig hässlich gewesen sein!“ Dr. Gerber rollte mit den Augen.
„Frau Vogel, können Sie es restaurieren?“
Lea zuckte mit den Schultern.
„Ich muss die Materialien untersuchen. Haben Sie es spektroskopieren lassen?“
„Kein Ergebnis“, fasste Dr. Heinz trocken zusammen.
„Was soll das heißen?“
„Das konnten mir die Fachleute im Institut auch nicht erklären. Sie behaupten, dass unter der Farbe nichts ist.“
„Das ist ja lächerlich“, fand Schröder. „Ich wette einen Kasten Bier, dass irgendjemandes Schwiegermutter darauf zu sehen ist.“ Lachend schlug er dem indignierten Dr. Gerber auf den Rücken. Lea trat instinktiv einen Schritt zurück. Sie hatte ein Problem mit lauten Männern.
„Dann gibt es vielleicht gar kein Bild und der Rahmen ist das Kunstwerk“, schlug Dr. Holzmann vor.
„Die Vergoldung sieht …“ weiter kam Lea nicht.
„Vergoldung?“, polterte Schröder los. „HA! Das Ding besteht aus massivem Gold!“
Verblüfft starrte Lea den geräuschvollen Unternehmer an. Als es eben von den Männern auf die Staffelei gehoben worden war, hatte sie ja schon bemerkt, dass das Bild ungewöhnlich schwer sein musste. Aber Massivgold? Nicht einmal die Könige des Rokoko hatten sich massivgoldene Bilderrahmen anfertigen lassen!
Ein kurzer Augenkontakt mit Dr. Gerber zeigte ihr, dass die Tatsache eines massivgoldenen Rahmens für ihn weit verwunderlicher als der Fundort und der Zustand war. Nein, „verwunderlich“ war das falsche Wort. „Beunruhigend“ traf es wohl eher. Einem Kunstgutachter musste ein solcher Fund das Weltbild durcheinander wirbeln.
„Ich habe es überprüft“, sagte Dr. Gerber, als hätte er ihre Gedanken gelesen. „Es ist keine moderne Arbeit. Der Tresor wurde tatsächlich aus dem Fundament eines Hauses aus dem Jahr 1878 geborgen und die Farbe ist eine Leinölfarbe mit für diese Zeit typischer Zusammensetzung.“
„Es muss wohl nicht extra betont werden, dass die Details dieser Arbeit vorerst geheim bleiben müssen“, meldete sich der Anwalt des Museums, Dr. Heinz, wieder zu Wort. Lea sah ihn mit großen Augen an. Geheim? Warum sollte man ein Kunstwerk geheim halten?
„Allein der Materialwert des Rahmens ist so beträchtlich, dass unangenehme Personen darauf aufmerksam werden könnten“, übersetzte Direktor Holzmann. Er kannte seine Angestellte gut genug, um zu wissen, dass sie über so etwas nie nachgedacht hätte. „Wir werden dezent die Sicherheitsmaßnahmen verstärken, aber der beste Schutz wird die Geheimhaltung sein.“ Bei diesen Worten sah er Schröder auffallend durchdringend in die Augen, ehe er sich wieder Lea zuwandte.
„Werden Sie damit zurechtkommen?“ Wie üblich zeigte sie eine Mischgeste aus Nicken und Schulterzucken. Bisher war sie schließlich noch jedem Projekt gewachsen gewesen.


Ein ganzes Gebirge fiel ihr von der Brust, als sie endlich die Tür hinter den unwillkommenen Besuchern schließen konnte. Die plötzliche Ruhe ließ sie erleichtert durchatmen. Wenn sie etwas nicht ertragen konnte, waren es laute Menschen in ihrem Atelier. Für sie war dieser Ort mindestens so privat wie ihre Wohnung. Kein Wunder. Sie verbrachte ja auch weit mehr Zeit hier als zu Hause.
Lea wandte sich um und ging langsam auf das geschändete Gemälde zu. Wer brachte so etwas nur fertig? Tieftraurig blieb sie vor dem Schatz stehen.
„Armes Ding“, flüsterte sie. „Aber mach dir keine Sorgen. Ich habe schon ganz andere Sachen wieder hinbekommen. Ich werde mein Bestes geben, damit du wieder so schön wirst wie am ersten Tag.“ Aufmunternd lächelte sie ihren „Patienten“ an und fuhr mit den Fingerspitzen den Rahmen entlang. Lea stockte: Er war warm.
Wärme ließ bei einem Restaurator alle Alarmglocken klingeln. Wenn das Bild nicht in der Sonne oder zu nahe an der Heizung stand, mussten chemische Reaktionen dafür verantwortlich sein. Und das war in der Regel gleichbedeutend mit der Zerstörung des Werkes.
„Oh mein Gott!“ Hektisch begann sie, den Rahmen abzutasten, um die Wärmequelle zu finden. Was hatte die Reaktion ausgelöst? Licht? Luftfeuchtigkeit? Die Körperwärme der Männer, die das Gemälde bewegt hatten? „Zeig mir, wo das Problem ist“, bat sie leise. „Hat der Barbar Säure verwendet?“
Als hätte das Bild sie verstanden, schien seine Oberfläche augenblicklich auf Raumtemperatur zu fallen. Selbst als Lea erneut die warme Stelle kontrollierte, fand sie sie kühl und unauffällig vor. Verwirrt legte sie den Kopf schief – dann musste sie über sich selbst lachen. Vermutlich hatte sie einfach die Stelle angefasst, an der die Männer das Bild angehoben hatten. Gold speicherte Wärme sehr gut.
„Da hast du mir aber einen schönen Schrecken eingejagt“, meinte sie amüsiert, während sie ihren Arbeitshocker heranzog. „Bestimmt zeigst du irgendeine sehr ungezogene Prinzessin.“ Das Kichern blieb ihr im Hals stecken.
Etwas hatte sich verändert. Schlagartig war die Atmosphäre des Raumes umgeschlagen. Wie bei einer Beerdigung, auf der ein Grabredner zotige Witze über den Verstorbenen riss. Nein, das traf es nicht. Es war viel direkter; eher so, als wäre sie eben noch freundlich angelächelt worden und würde jetzt mit eiskaltem Blick niedergestarrt. Leas Herzschlag beschleunigte sich.
„Ich … wollte dich nicht beleidigen“, meinte sie verdattert.
Erneut schlug die Stimmung des Raumes um. Die Schwere wich haltloser Heiterkeit; selbst das Licht schien heller geworden zu sein. Ein Scherz, dachte Lea. Das Bild hat einen Scherz gemacht. Lauthals lachte sie los und konnte sich kaum beruhigen. Erst nach einer Minute begann sie, sich über sich selbst zu wundern.
Du bist zu viel allein. Du sprichst nicht nur mit den Bildern – jetzt fangen sie schon an zu antworten. Trotzdem lächelte sie. Es gab Schlimmeres, als Bilder zum Freund zu haben.
„Dann hoffe ich mal, dass du nicht kitzlig bist“, sagte sie vergnügt. Vorsichtig begann sie mit einem feinen Spachtel etwas von der grünen Farbe herunterzunehmen. Spektroskopische Analysen waren ja ganz nett, doch Lea untersuchte Verunreinigungen grundsätzlich auf ihre eigene Weise. Wenn man handwerklich arbeitete, kam es eben nicht nur auf chemische Fakten an. Sie musste ein Gefühl für Konsistenz, Dicke und Eigenschaften bekommen.
Immer wieder nahm sie oberflächliche Proben ab und untersuchte die Wirkung unterschiedlicher Lösungsmittel. Sie war so versunken in ihre Beschäftigung, dass sie gar nicht merkte, wie der Tag verging.


Gegen 14 Uhr fand Direktor Holzmann seine Angestellte leise summend über das Bild gebeugt. Dieser unmögliche Ringelpullover schien sie wie ein eigenständiges, schief gewachsenes Lebewesen im Griff zu haben. Während der Nacken praktisch frei lag, wurden ihre Hände bis auf die Kuppen ihrer schlanken Finger verschluckt. Gerade schien sie das erste Mal bis auf den Firnis des eigentlichen Bildes vorzustoßen – zugleich war sie auf dem besten Wege, den alternden Direktor vorzeitig ins Grab zu bringen.
Natürlich konnte sie den Spatel nicht wie jeder andere Mensch anfassen. Nicht nur, dass sie wieder einmal vergessen hatte, Handschuhe zu tragen; sie führte das hauchfeine Instrument direkt an der scharfen Spitze. Der Griff des Werkzeugs hatte sich in den ungleichen Maschen ihres Ärmels verfangen, der seinerseits unter einem Schüsselchen mit irgendeinem Lösungsmittel eingeklemmt war. In der anderen Hand hielt sie ihre übergroße Tasse, in der Holzmann irgendeine Art von Limonade gefährlich unbeobachtet herumschwappen sah. Als würde dies noch nicht ausreichen, kippelte Lea mit verknoteten Beinen auf ihrem hohen Hocker hin und her. Eine unachtsame Bewegung würde genügen, um eine Katastrophe auszulösen.
Sie hat noch nie etwas vergossen oder kaputt gemacht, sagte er sich im Geiste. Leider musste er der Vollständigkeit halber hinzufügen: Zumindest nicht, solange sie niemand erschreckt hat. Denn Lea war vermutlich die schreckhafteste Person, die er kannte. Wenn er sich im falschen Moment auf die falsche Weise bemerkbar machte, würde er es sein, der die Katastrophe auslöste.
Während Lea weiterhin unbekümmert vor sich hin summte, wagte ihr Chef kaum zu atmen. Warum konnte sie ihre Arbeit nicht ein einziges Mal wie ein normaler Mensch machen? Und warum konnte sie sich nicht an Regeln halten? Limonade in einer Restaurationswerkstatt für unersetzliche Kunstschätze? Und schon ihr Vorgehen! Sie konnte doch nicht einfach so mit dem Spatel durch die Verunreinigung schneiden!
Doch Lea konnte. Offenbar hatte sie es einfach im Gefühl, dass der Firnis standhalten würde, wenn sie die grüne Farbe abhob. Mit unendlicher Geduld legte sie einen winzigen Ausschnitt des eigentlichen Bildes frei. Es wirkte beinahe spielerisch. Ja, sie war eine Chaotin. Zugleich gab es aber niemanden, den Holzmann mehr bewunderte als sie.
Nicht einmal in seiner Jugend hatte er ein auch nur annähernd so gutes Auge und eine so ruhige Hand besessen. Heute konnte er kaum mehr längere Zeit ruhig stehen bleiben. Die Anspannung brachte Arme und Beine des alten Mannes zum Zittern. Lange würde er es in dieser Pose nicht mehr aushalten. Was sollte er nur tun? Wäre er doch nie herein gekommen!
„Möchten Sie auch etwas trinken, Dr. Holzmann?“, fragte sie weggetreten. Ihm blieb die Spucke weg. Noch nie hatte es ein Restaurator gewagt, in seiner Werkstatt auch nur an Getränke zu denken. Aber sie war anscheinend noch immer voll auf das Bild fokussiert. Einen Augenblick summte sie weiter vor sich hin, doch dann fuhr sie so sehr zusammen, als hätte er sie angebrüllt.
„Dr. Holzmann!“, krächzte sie entgeistert. Schon sah er sie mitsamt Hocker, Chemiebrühe, Limonade und Bild zu Boden stürzen. Aber Lea wirbelte herum und stolperte mit einem eleganten Ausfallschritt von ihrem Hocker herunter. Die Bewegung war so schnell, dass das Schälchen mit dem Lösungsmittel auf der äußersten Tischkante stehen blieb. Nach zwei weiteren taumelnden Schritten hatte sie auch das schwappende Zuckerwasser wieder unter Kontrolle. Sie war so reizend, dass es ihm schwerfiel, sie finster anzustarren.
„LIMONADE in meiner Werkstatt, Frau Vogel? IST DAS IHR ERNST?“
„Das … ist keine Limonade, Dr. Holzmann …“, meinte sie verdattert. Gut. Sie nannte ihn nicht wie sonst „Direx“. Das bedeutete, dass seine bebenden Nasenflügel ihre Wirkung nicht verfehlten.
„Ach nein?“
„Nein“, bekräftigte sie mit einem unsicheren Lächeln, das seine Züge weich werden ließ. „Es ist Ananassaft mit Cherrycola. Der Saft ist selbst gepresst. Wollen Sie probieren?“ Sekundenlang starrte Holzmann auf die Tasse, die ihm so selbstverständlich unter die Nase gehalten wurde. Dann atmete er durch und schloss für einen erholsamen Moment die Augen.
„Wir sprechen ein anderes Mal darüber“, meinte er schroff. Sie nickte erleichtert. Sie wussten beide, dass es nie zu diesem Gespräch kommen würde. Wenn er ehrlich zu sich war, war es ihm auch wichtiger, sie glücklich zu sehen, als dass sie seine Regeln befolgte. Sie hatte immer erstklassige Arbeit abgeliefert. Auch in seiner Funktion als Direktor sollte er damit zufrieden sein.
„Im Augenblick geht es um etwas Wichtigeres“, wechselte er das Thema. Gespannt kletterte sie rückwärts auf ihren Hocker und nippte an ihrer Tasse. Erneut sah der Direktor das auf der Kante stehende Lösungsmittelschälchen gefährdet und stellte es ärgerlich beiseite. Sie verfolgte sein Tun sichtlich verwundert und fragte:
„Ich darf keine Lösungsmittel mehr verwenden?“
Mit einem Seufzen schüttelte er die Frage ab. „Natürlich nicht.“
Ihre Augen wurden groß.
„Ich meine … also natürlich geht es nicht darum. Ohne Chemie könnten Sie ja gar nicht arbeiten. Es geht um dieses Bild.“ Jetzt hatte er sie offensichtlich ernsthaft verwirrt.
„Ich darf bei diesem Bild keine …“
„Nun lassen Sie mich doch endlich mit Ihrem Lösungsmittel in Ruhe!“, schnappte er. Sie zuckte erschrocken zusammen und sofort tat ihm sein Ausbruch leid. „Entschuldigen Sie meine Unbeherrschtheit, Frau Vogel. Ich stehe wegen dieses Bildes schon den ganzen Tag sehr unter Druck. Ein Detail konnte ich Ihnen heute Morgen nämlich noch nicht anvertrauen.“ Sein Tonfall schien es so spannend zu machen, dass sie den Atem anhielt.
„Ich weiß nicht, ob Sie sich das Bild schon einmal von hinten angeschaut haben.“ Sie schüttelte den Kopf.
„Das wollte ich, aber der Rahmen ist mir zu schwer.“ Holzmann nickte schicksalsergeben. Vermutlich war sie die einzige Restauratorin dieses Planeten, die sich die Objekte nicht vor Beginn der Arbeit von allen Seiten anschauen wollte.
„Wie Sie ja wissen, hat sich der Eigentümer des Bildes an Dr. Gerber gewandt. Und als renommierter Kunsthistoriker hat er natürlich auch einen Blick auf die Rückseite der Leinwand geworfen.“ Sie nickte gespannt und schien den versteckten Vorwurf nicht einmal zu bemerken. „Dabei hat er festgestellt, dass sie sich von jeder bisher bekannten Leinwandart unterscheidet. Es scheint sich um schichtweise verpressten Zellstoff unbekannter Herkunft zu handeln.“
„Sehr interessant“, fand Lea. „Das spricht dafür, dass das Bild älter als der Rahmen ist.“
„Das hat sich auch Dr. Gerber gedacht und eine C14-Untersuchung veranlasst. Weil er nach der ersten Analyse glaubte, dass die Probe verunreinigt war, hat er noch eine zweite Probe genommen und diese bei einem anderen Labor untersuchen lassen.“
„Sie machen es aber spannend, Direx.“ Ihm war nicht zum Schmunzeln zumute. Mit Grabesstimme sagte er:
„Frau Vogel … das Bild ist über 12.000 Jahre alt.“
Lea schliefen die Gesichtszüge ein. Dann begann sie zu lachen.