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Die folgenden Monate wurden für Charles zu einer harten Geduldsprobe. Immer wildere Gerüchte kursierten im Black Garden Gentlemensclub. Fiddlebury solle sich einen regelrechten Hochofen beschafft haben, den er angeblich in seinem Keller betrieb. Außerdem hatte ihn angeblich eine Polizeistreife bei dem Versuch erwischt, mitten in der Nacht eine Gruft auf dem Londoner Zentralfriedhof aufzubrechen. Was derartige Aktivitäten mit einer Erfindung zu tun haben sollten, war Charles völlig schleierhaft. Es hatte den Anschein, dass Mortimer Fiddlebury dringend ärztlichen Beistand benötigte.

In den ersten Monaten kam Rachel Fiddlebury immer wieder bei Charles vorbei, um sich einige seiner bedeutendsten Erfindungen auszuleihen. Ihre Wünsche betrafen nicht nur seinen Reprographen, mit dem sich verkleinerte Kopien von einfachen Dingen anfertigen ließen. Auch sein gerade fertig gestellter Lichtverdichter, für den ihm selbst noch kein Zweck eingefallen war, fand ihr größtes Interesse. Diesmal bestand Rachel aber darauf, Charles mit horrenden Leihgebühren für seine Hilfe zu entschädigen. Für meinen Freund war jedoch weit wichtiger, dass es ihr sichtlich besser ging. Kinkin schien ihre Sache gut zu machen.

Sehr zu Charles’ Beunruhigung hörten Rachels Besuche jedoch plötzlich auf. Seine Sorge ging so weit, dass er mit dem Gedanken spielte, sich auf ungesetzliche Weise Zutritt zum Haus der Fiddleburys zu verschaffen. Eine Nachfrage bei seiner Bank ließ ihn diesen Gedanken jedoch zurückstellen. Offenbar war es nach wie vor Rachel, die höchstpersönlich jede Woche die vereinbarten Leihgebühren auf Charles’ Konto einzahlte. Dennoch verfolgten ihn grässliche Vorahnungen. Er war natürlich viel zu rational etwas darauf zu geben, aber ein Teil von ihm blieb dabei: Etwas Schreckliches würde geschehen.

Als ein Bote ein förmliches Kuvert mit dem Familiensiegel der Fiddleburys brachte, befürchtete er schon das Schlimmste. Doch statt zu einer Beerdigung wurde er von Mortimer Fiddlebury äußerst freundlich für den kommenden Tag zum Tee eingeladen. Selten hatte Charles eine so unruhige Nacht verlebt.

 

*

 

„Willkommen, Mister Eagleton. Wir freuen uns, dass Sie kommen konnten.“ Das strahlende Lächeln der jungen Dame, die Charles an der Tür der Fiddleburys empfing, wirkte herzerwärmend aufrichtig. Ihre Wirkung auf Charles war jedoch verheerend. Für mehrere Herzschläge vergaß er seine Manieren und starrte sie wie ein Gossenjunge mit offenem Mund an.

Offenbar hatte er Rachels Schwester vor sich, von deren Existenz er bisher nichts geahnt hatte. Nein, nicht „Schwester“. Sie wirkte wie Rachels jüngerer Zwilling, auch wenn ihr Alter schwer bestimmbar war. Sie hatte etwas Zeitloses an sich. Er konnte ihr Alter mit Mühe auf sechzehn bis fünfundzwanzig eingrenzen. Doch es war nicht allein ihr Aussehen, das die Schätzung ihres Alter  erschwerte. Jede ihrer Bewegungen war wie eine Melodie, die ihre schlanken Gelenke und ihren biegsamen Hals wie Kunstwerke zur Geltung brachte. Im Gegensatz zu Rachels gelähmtem Gesicht sprühte ihre Mimik geradezu vor Leben und ihr Lachen hatte etwas Magisches an sich. In seinem ganzen Leben hatte Charles noch nie ein so anmutiges Geschöpf gesehen.

Dann erkannte er endlich, was dieses wunderschöne Wesen so herzlich lachen ließ: Sein entgeisterter Gesichtsausdruck. Da ihm die Worte fehlten, klappte er einfach den Mund zu und holte die Begrüßung mit einer tiefen Verbeugung und einem Handkuss nach. Als er sich wieder aufrichtete, war von dem herzlichen Lachen noch ein glückliches Lächeln übrig geblieben. Und dann sah Charles ihr das erste Mal wirklich in die Augen und erkannte die unerhörte Wahrheit. Vor ihm stand nicht Rachels Schwester, sondern Rachel selbst! Diese Augen hätte er überall wiedererkannt.

Bevor er Gelegenheit hatte, die Eindrücke zu verarbeiten, erschien der Hausherr an der Tür. Offenbar hatte er die Begrüßung hinter der Garderobe verborgen verfolgt. Mit listigem Grinsen trat er aus seinem Versteck und reichte seinem Besucher triumphierend die Hand. Irgendwie hatte Charles den Eindruck, einen Wettbewerb verloren zu haben, von dem er gar nichts gewusst hatte.

„Mister Eagleton! Ich freue mich! Kommen Sie doch herein! Meine Tochter wird uns gleich den Tee bringen.“ Der sonst eher griesgrämige alte Geier legte seinem Gast sogar den Arm um die Schultern, während er ihn in den Salon führte. Charles hatte allerdings weniger den Eindruck, herzlich umarmt zu werden. Er fühlte sich eher, als solle er „erbeutet“ oder an allzu neugierigen Blicken gehindert werden. Im Flur stieß er auf Kinkin, die auf seinen Anblick mit abwechselnd grün und blau blinkenden Augen reagierte. Wie eine Marionette hob sie den Arm und winkte ruckartig.

„Kinkin“, sagte sie wenig überraschend. Doch dieses Mal glaubte Charles deutlich so etwas wie Freude aus ihrer Stimme herauszuhören.
„Ich freue mich auch dich zu sehen, Kinkin“, sagte er. Als er Anstalten machte, hierfür etwas langsamer zu werden, zog ihn sein Gastgeber mit sanfter Gewalt weiter.
„Die sind eine ganz nette Erfindung, Ihre dampfgetriebenen Dienstmädchen.“ Aus Fiddleburys Mund klang dieses Kompliment, als habe sein Sohn eine zwei in Mathematik mit nach Hause gebracht.

„Ja, danke …“, meinte Charles etwas verwirrt. Ehe das Thema jedoch vertieft werden konnte, gelangten sie in den Salon und Charles wurde in einen bequemen Sessel gedrückt.

„Zigarre?“, fragte Fiddlebury. Charles konnte das nur als Test verstehen. Oder sollte es tatsächlich Barbaren geben, die Zigarren zum Tee nahmen? Noch dazu wenn Damen anwesend waren.

„Nein danke.“

Fiddlebury machte jedoch ein regelrechtes Ritual daraus, eine unanständig dicke Zigarre zu enthaupten und dann – mit viel Zeit – mit einer Glutkrone zu versehen. Er schien sich für irgendetwas selbst belohnen zu wollen. Und aus irgendeinem Grund machte dies Charles wütend. Aber natürlich ließ sich ein englischer Gentleman derartige Gefühle nicht anmerken.

„Man spricht sehr viel über Ihre Arbeit im Black Garden“, begann er höflich das Gespräch auf die Fragen zu lenken, die ihn in den letzten Monaten umgetrieben hatten. Doch Fiddlebury grinste nur spöttisch und kümmerte sich aufreizend intensiv um seine Zigarre. Charles tat ihm jedoch nicht den Gefallen, weiterzusprechen.

Schließlich bequemte sich Fiddlebury doch noch zu einer Antwort: „So, so. Zerreißen sich die Kleingeister ihr Maul über mich?“

„So würde ich das nicht ausdrücken“, meinte Charles. „Es ist nur …“ Rachels Eintreten ließ ihn den Faden verlieren. Sie balancierte das volle Tablett mit akrobatischer Geschicklichkeit auf drei Fingern. Das Servieren von Tee und Gebäck geriet beinahe zu einem Tanz, der Charles das Herz hoch im Halse schlagen ließ. Zumindest fühlte es sich so an. Seine Reaktion brachte ein glückliches Glühen in ihre Augen, das den Rest der Welt vollkommen überstrahlte. So entging ihm erfreulicherweise Mortimer Fiddleburys selbstzufriedenes Grinsen.

„Sie sollten mich nicht bedienen“, brachte Charles seine Gedanken zum Ausdruck.

„Ich bitte Sie. Das ist mir wirklich ein Vergnügen“, antwortete sie mit leuchtenden Augen.

„Sie sind unser Gast, Mister Eagleton“, mischte sich nun auch der Hausherr ein. „Und da unser Dienstmädchen nicht in der Lage ist, Tee zu servieren, ohne eine mittelgroße Katastrophe zu verursachen, bleibt uns nichts Anderes übrig, nicht wahr?“ Das „Dienstmädchen“ betonte er so süffisant, dass mein Freund ihm gerne das Grinsen aus dem Gesicht geohrfeigt hätte. Doch dann lenkte ihn der Anblick einer vorwitzigen roten Strähne, die sich aus Rachels Frisur gelöst hatte, zu sehr ab. Beinahe hätte er sich den Tee in den Schritt gegossen.

Der zauberhafte Moment währte aber nur kurz. Urplötzlich – Charles hatte nicht einmal den Tee probieren können – schien es Fiddlebury sehr eilig zu haben, ihn wieder loszuwerden.

„Oh? Haben wir so sehr die Zeit vergessen?“, fragte er scheinheilig. „Es tut mir leid, die Arbeit ruft. Ein wichtiger Schritt, der keinen Aufschub zulässt …“ Plötzlich stand er neben seinem Gast, um ihm „aufzuhelfen“. Dass er ihm nicht die Tasse wegnahm oder den Stuhl unter dem Allerwertesten wegzog, war offenbar der letzte Rest von Höflichkeit, den Fiddlebury noch aufbringen konnte. Es war, als habe der alte Mann ein großartiges, erfolgreiches Experiment durchgeführt. Aber die Euphorie schien jetzt weit genug abgekühlt, um die Arbeit mit großem Tatendrang weiterzuführen. Mein Freund war ein nützliches Versuchsobjekt gewesen aber der weiteren Arbeit im Weg. Schneller als Charles „vielen Dank für die Einladung“ sagen konnte, stand er schon wieder vor der Tür.

„Vielen Dank für den Besuch“, heuchelte der alte Geier beim Abschied. „Bitte besuchen Sie uns doch bald wieder.“ Bevor Charles noch etwas sagen konnte, wurde ihm die Tür vor der Nase zugeschlagen. Perplex starrte er noch mehrere Augenblicke die geschlossene Tür an. Doch der erwartete Zorn stellte sich nicht ein. Stattdessen sah er diese wunderbaren grünen Augen vor sich, die jetzt endlich in einem Körper wohnten, der zu ihnen passte.

War das Fiddleburys Entdeckung? Wie man Körper reparieren konnte? Rachels Körperbau hatte sich nicht wesentlich verändert. Schon vorher war Charles immer wieder über ihre zierliche Gestalt entzückt gewesen. Durch ihre seltsame Art sich zu bewegen war ihre Schönheit nur in den Hintergrund gedrängt worden. Hatte es also überhaupt eine körperliche Veränderung gegeben? Ihr seidiges rotes Haar war mit Sicherheit ein wenig voller und länger geworden. Und dann war da ihr verjüngtes Aussehen. Nein, nicht jünger. Sie hatte zugleich viel älter und viel jünger gewirkt. Zeitlos. Ja, das traf es.

Verwirrt und ratlos machte er sich auf den Heimweg. Er musste dieses Geheimnis lüften, bevor er verrückt wurde. Und das bedeutete, dass er nicht noch einmal mehrere Monate warten konnte.