Rezension von Gunda Plewe - Literra.info PDF Drucken

Von Gunda Plewe für Literra

In der Reihe MEISTERDETEKTIVE aus dem Fabylon Verlag liegt ein dritter Band vor, der ungewöhnliche Wege beschreitet. Herausgeberin Alisha Bionda hat diesmal jeweils zwei Autoren für eine Geschichte ausgewählt, von denen einer den Part von Sherlock Holmes, der andere den seines Freundes und Kollegen Dr. Watson übernimmt.

Die erste Geschichte aus der Feder von Desirée und Frank Hoese befasst sich mit dem „Rätsel des Rad fahrenden Affen“. Bereits der Titel klingt nach einer klassischen Sherlock-Holmes-Geschichte, und die Erwartungen des Sherlockianers werden nicht enttäuscht. Zwar wechselt, anders als im Original, die Perspektive innerhalb der Geschichte zwischen Holmes und Watson, das Rätsel selbst bleibt im wahrsten Sinne des Wortes musterhaft: Eine junge Gesellschafterin erbittet Holmes Hilfe, sie wird von ihrer Dienstherrin des Juwelendiebstahls bezichtigt. Wie die beiden Ermittler schnell herausfinden, ist dieser Raub der Letzte in einer Reihe spektakulärer Juwelendiebstähle – und stets gastierte ein Zirkus in der Nähe des Tatorts. Wer nun glaubt, aus dem Titel bereits auf die Lösung schließen zu können, der wird vom ersten Autorengespann eines Besseren belehrt.
Bereits die erste Geschichte überzeugt. Gut gefallen haben mir der Aufbau nach klassischem Vorbild, der Tonfall, der sowohl für Holmes als auch für Watson authentisch und gleichzeitig modern klingt, ebenso wie des Rätsels Lösung. Ein hervorragender Einstieg!

Das nächste Duo, Tanya Carpenter und Guido Krain, berichtet vom Fall namens „Holmes und die Selbstmörder von Harrogate“. Anders als bei der Vorgängergeschichte ist hier lediglich die Ausgangssituation klassisch. Im verschlossenen Zimmer eines Heilbades in Harrogate geschehen unerklärliche Selbstmorde, und als Holmes eine Einladung zur Kur dort erhält, zögert der Meisterdetektiv nicht lange – wann konnte er je einem scheinbar unlösbaren Rätsel widerstehen? Auch Holmes bekommt das Selbstmordzimmer zugewiesen …
„Ungewöhnlich, aber höchst interessant“ heißt es aus Holmes Mund zu beginn der Geschichte, und ich kann mich nur anschließen. Holmes ist nicht die kalte und gefühlsarme Denkmaschine, die wir kennen, sondern zeigt neben menschlicher Anteilnahme auch leicht frivole Anwandlungen. Das mag nicht jedem Leser gefallen, passt aber ganz ausgezeichnet in die Geschichte und bereichert die Kunstfigur um Facetten, die dem Original nicht zu eigen sind. Watson bekommt genügend Raum um neben seinem Gefährten nicht zu verblassen und als eigenständiger Charakter zu bestehen.
Je mehr ich von Guido Krain und Tanya Carpenter lese, desto begeisterter bin ich! Ausgerechnet diese beiden Autoren an eine Geschichte zu setzen, war eine sehr schöne Idee, deren Umsetzung mir eben wegen der Abweichungen vom üblichen Muster sehr gut gefallen hat. Sie hat einen eigenen Tonfall, und die Atmosphäre ist düster und luftig gleichzeitig. Die Düsternis beruht nicht allein auf den Selbstmorden, sondern vielmehr auf der geschickt hineingewebten Hintergrundgeschichte, einem Kennzeichen jedes guten Krimis. Die Leichtigkeit hingegen lässt sich nicht durch Holmes amouröse Offenheit erklären, sondern durch das Augenzwinkern, das sich durch die gesamte Geschichte zieht. Dies ist meine Lieblingsgeschichte!

Die titelgebende Geschichte „Die Tochter des Henkers“ von Antje Ippensen und Margret Schwekendiek wartet wiederum mit einer klassischen Ausgangssituation auf: Die Tochter des tot aufgefundenen Henkers von London glaubt nicht an einen Unfall und bitte Holmes um Hilfe. Die gegensätzlichen Charaktere von Holmes und Watson werden sehr schön herausgearbeitet; Holmes Nüchternheit und Watsons Warmherzigkeit spiegeln sich in ihren unterschiedlichen Lösungsansätzen, um am Ende schließlich gemeinsam die Wahrheit herauszufinden.
Viele Details verleihen dieser Geschichte ihre Lebendigkeit, ebenso wie die Schilderung der Lebensumstände im viktorianischen Zeitalter. Auch der Kriminalfall kommt nicht zu kurz, was diese Erzählung zu einem rundum guten Holmes-Leseerlebnis macht.

Bei der letzten Geschichte war ich auf das Schlimmste gefasst, hatte ich doch in einer Rezension von unliebsamen Überraschungen gelesen, und da die Herausgeberin selbst in ihrem Vorwort von einem „surrealistischen Plot“ spricht, wappnete ich mich vor dem Lesen. Würde ich erfahren, dass Sherlock Holmes in Wahrheit Jack the Ripper war (eine unangenehmere Wahrheit über den misogynen Meisterdetektiv könnte man mir nicht mitteilen) oder würde ich erfahren, dass ER nur in meinem Kopf existiert?
Oliver Plaschka und Erik Hauser machten es mir nicht leicht, ihre Geschichte um Dr. Watson, seines Zeichens Leiter einer psychiatrischen Anstalt, und seinen Patienten Holmes zu mögen. War Holmes wirklich nur ein Irrer, der einen Weltkrieg verhindern wollte? Saß der Vater Conan Doyles in der Nebenzelle und verschaffte dem Arzt so die Möglichkeit, aus der Realität Fiktion werden zu lassen? Immerhin bleibt Watson er selbst, wenn auch in anderer Funktion als in den kanonischen Geschichten: Er ist mein Fels in der Brandung in seiner unerschütterlichen Freundlichkeit und Gutherzigkeit.
Und doch nistete sich noch während der Lektüre der Zweifel in meinem Kopf ein. Ganz normal war Sherlock Holmes ja nie gewesen … und seine ungesunde Fixierung auf Moriarty … irgendwoher musste Conan Doyle ja seine ganzen Ideen haben … die in diesem Bericht genannten Daten sind nachprüfbar, beispielsweise das Attentat auf Erzherzog Franz Ferdinand. Verdammt. Dies ist keine Novelle, dies muss ein Tatsachenbericht sein.
Auch wenn dies aus persönlichen Gründen (meine Idole bleiben auf dem Sockel, komme was wolle) nicht meine Lieblingsgeschichte ist, kann ich doch nur sagen: Sie ist großartig in jeder Hinsicht. Perfekter und in unheimlichster Weise überzeugender Stil bereichern eine Geschichte, die –aus sherlockianischer Sicht- äußerst gewagt, aber eben auch äußerst überzeugend ist. „Die Wahrheit über Sherlock Holmes“ ist ein kleines Juwel der Frechheit.

Fazit:

"Sherlock Holmes und die Tochter des Henkers" ist eine gelungene Mischung, bei der alle Geschichten auf ihre eigene Art überzeugen. Eine Bereicherung sind, wie immer, die Innengrafiken des Künstlers Crossvalley Smith, die den Band noch einmal aufwerten.