Gestreifte Weihnachten PDF Drucken

Zum ersten Mal konnte Dorée verstehen, was ihre Mutter so anstrengend an Weihnachten fand. Aber seit sie in ihrer eigenen Wohnung wohnte, konnte sie ihre Eltern allgemein viel besser verstehen. Putzen, waschen, kochen, renovieren... Da blieb kaum Zeit, sich an der Unabhängigkeit zu freuen.
Keuchend stapfte sie die ausgetretene Treppe in den sechsten Stock hoch. Bei der Besichtigung war ihr das Fehlen eines Fahrstuhls noch als sehr geringer Preis für die riesige Altbauwohnung erschienen. Die Miete war so günstig, dass sie sogar für eine Studentin erschwinglich war. Mit einem Großeinkauf nach Hause zu kommen, erwies sich jedoch als Leistungssport. Schwer atmend stellte sie Taschen vor der Tür ab und kramte den Schlüssel aus ihrer Handtasche.
Was hatte sie nur geritten, ihre Familie zum Weihnachtsessen einzuladen? Die ganze Woche hatte sie geputzt und aufgeräumt. Gestern, an Heiligabend, hatte sie sich kaum entspannen können. Ständig hatte sie überlegen müssen, ob sie auch wirklich alles für heute eingekauft hatte. Das Ergebnis dieser Überlegungen hatte dazu geführt, dass sie jetzt den halben Hausstand ihrer Eltern dabei hatte. Peinlich!
Knackend öffnete sich die uralte Tür. Dumpf war der Fernseher aus dem Wohnzimmer zu hören und Dorée verdrehte die Augen. Nicht schon wieder! Das alte Haus „verwöhnte“ elektrische Geräte häufiger mit Stromschwankungen. Und ihr alter Fernseher reagierte darauf zuweilen mit plötzlichem anspringen. Sie konnte nur hoffen, dass das alte Ding nicht schon seit gestern lief.
Ein Griff zum Lichtschalter ließ den antiken Kristallleuchter, den Dorée auf dem Flohmarkt erbeutet hatte, aufflammen. Ihr selbst entfuhr ein erstickter Schrei. Der cremefarbene Teppich war von der Küche bis zum Wohnzimmer mit einer Spur verschmierter roter Flecken verunziert. Es sah aus, als hätten zwei Kartoffelstempel ein Wetthüpfen veranstaltet und hätten dabei rutschend immer wieder versucht, ihre Farbe loszuwerden. War hier eine Katze durchgelaufen?
Mit bösen Vorahnungen lief sie in die Küche, doch ihre Ahnungen wurden weit übertroffen: Sämtliche Küchenschränke standen offen und waren durchwühlt worden. Teile des Inhalts waren über den Küchenboden verstreut. Von ihrem sündhaft teuren Obstkorb waren nur noch Strunke und Kerne übrig. Irgendjemand hatte die Marzipantorte aus der Tiefkühltruhe geholt und sie – den Bißspuren nach zu urteilen – einem kleinen Tier zu essen gegeben. Nur ein knappes Drittel war noch übrig. Der so zum Vorschein gekommene Pappboden war offensichtlich zum Schmieren eines Marmeladenbrotes verwendet worden.
Die rote Spur im Flur nahm offenbar an einer Raviolidose ihren Anfang, die in einem eigenen kleinen See aus Tomatensauce lag. Irgendjemand hatte wohl erfolglos versucht, sie mit einem Messer aufzubohren, aber nicht mehr als ein Loch hinbekommen.
Fassungslos lehnte Dorée in der Küchentür. Es dauerte eine kleine Ewigkeit, bis sie wieder einen klaren Gedanken fassen konnte. In drei Stunden würde ihr Besuch vor der Tür stehen! Wie sollte sie die Wohnung bis dahin wieder in Ordnung bringen? Und was sollte sie ohne Torte und Obst machen?
Dann erst wurde ihr die volle Tragweite ihrer Entdeckung bewusst. Jemand war in ihre Wohnung eingebrochen! Vor ihrem inneren Auge erschien sie ein riesiger schwarz gekleideter Gangster, der kauend ihre Unterwäsche durchwühlte. Siedend heiß fiel ihr der laufende Fernseher im Wohnzimmer ein. Vielleicht machte es sich der Kerl gerade auf ihrer Couch gemütlich! Schneller als sie denken konnte hatte sie das Schinkenmesser in der Hand.
Auf Zehenspitzen schlich sie zurück zu ihrer Handtasche, die sie dummerweise vor der Wohnungstür liegen gelassen hatte. Sie musste ihr Handy erreichen und die Polizei rufen! Auf dem Weg kam sie am Wohnzimmer vorbei. Die Tür war nur angelehnt... Wider besseren Wissens hielt sie inne und lauschte. Im Film ging es offenbar gerade heiß her. Irgendjemand bat gerade darum, dass der andere es nicht dem Elfen sagen solle. Doch wenn sie sich anstrengte, konnte sie noch etwas anderes hören:
*raschel* *raschel* *raschel* – Pause – *crunsch* *crunsch* *crunsch*
Dann begannen die seltsamen Geräusche wieder von vorne. Mit zusammengezogenen Augenbrauen rätselte Dorée über die seltsamen Laute. Dann kam ihr mit einem Mal die Erleuchtung: Chips! Der Kerl fraß jetzt auch noch ihre eigenhändig aus England importierten Essigchips!
Für den Bruchteil einer Sekunde überwand auflodernder Zorn jede Vorsicht und Vernunft. Ehe es ihr selbst richtig bewusst war, stieß sie einen Wutschrei aus und stand mit erhobenem Messer mitten im Zimmer. Dann schliefen ihr die Gesichtszüge ein.
Auf ihrem Sofa saß das seltsamste Geschöpf dass sie je gesehen hatte. Es war vielleicht 20 Zentimeter groß und wie ein Zebra gestreift. Die Kopfform schien eine Mischung aus Zebra und Nilpferd zu sein, wobei der Kleine zwei große, nach vorn gerichtete Augen hatte. Der Körper hatte – abgesehen von einem langen mit prachtvollem schwarzen „Puschel“ versehenen Schwanz – eine humanoide Form. Der Torso war jedoch wie eine Birne geformt und wurde vor allem von einem beachtlichen Bauch charakterisiert. Arme und Beine entsprachen in groben Zügen menschlichen Proportionen. Statt Füßen hatte das Wesen jedoch etwas, dass wie weiche, grob ovale Kissen aussah. Deutlich waren die Reste der Tomatensoße an ihnen zu erkennen.
Der kleine saß in einem regelrechten Nest aus Gummibärchen, Keksen und Nüssen. Seine Füße hatte er auf der Fernbedienung für den Fernseher platziert und aus mehreren Strohhalmen eine regelrechte Pipeline zu einer auf dem Boden stehenden Colaflasche installiert. Mehrere leere Chipstüten kündeten davon, dass das aufgerissene Exemplar zu seiner Rechten nicht sein erstes Opfer gewesen war.
Der Augenblick schien wie eingefroren. Mit vollen Backen und dem Strohhalm im Mund schaute der Kleine mit großen Augen zu der drohend über ihm stehenden Hausherrin auf. Auch er schien wie erstarrt und hatte sogar das Kauen eingestellt.
Im Gegensatz zu Dorée, die sich ergebnislos fragte, ob dies ein Traum war, schien sich der ungebetene Gast jedoch relativ schnell von dem Schrecken zu erholen. Zuerst setzte die Kautätigkeit wieder ein. Dann wechselte der erschreckte Ausdruck in seinen Augen zu offener Neugier. Schließlich schluckte er, ohne die neugierigen Augen von ihr zu nehmen, genehmigte sich noch mehrere große Schlucke aus dem Strohhalm und strahlte sie dann an.
„Hallo“, begrüßte er sie fröhlich und kein bisschen eingeschüchtert. „Auch was?“ Auffordernd winkte er mit einem Keks. „Nimm‘ ruhig – mir ist schon ganz schlecht.“ Dorée starrte noch einen Moment entgeistert auf das angebotene Gebäck und meinte dann tonlos:
„Mir auch.“ Ohne, dass sie es merkte, ließ sie das Messer sinken.
„Wirklich? Was gab es denn bei Dir?“, erkundigte sich der seltsame Gast eifrig. Doch Dorée machte keine Anstalten, die Frage zu beantworten. Nur langsam wurde sie wieder Herrin ihrer selbst. Zu mehr als der naheliegensten Frage war sie noch nicht in der Lage:
„Wer bist Du?“ Augenblicklich strahlten die Augen des eigenartigen Gastes noch mehr als zuvor.
„Ich bin Zebra.“ Er sprach den Namen aus, als müsse die Gastgeberin vor Begeisterung mindestens einen Salto machen. Als sie nur die Stirn runzelte, tat er es ihr gleich. „Du warst nicht lange in der Schule, oder?“ Ungeniert stopfte er sich vier große Chips in den Mund. Mit vollen Backen kauend  schaute er sie unverwandt mit großen neugierigen Augen an. Das gesamte Gesicht des Kerlchens geriet dabei in Bewegung.
Dorée registrierte die unverschämte Frage und legte sie zur späteren Bearbeitung irgendwo in ihrem Hinterkopf ab.
„Nein, ich meine, was bist Du? Warum verwüstest Du meine Wohnung? Wo kommst Du her?“ Erfolglos nach weiteren Fragen suchend, die ihre Fassungslosigkeit über den seltsamen Besuch besänftigen könnten, fuchtelte sie in der Luft. Zebra beobachtete sie mit vor Vergnügen funkelnden Augen, kaute gründlich und schluckte.
„Ich habe doch schon gesagt: Ich bin Zebra“, verkündete er, als würde das alles erklären. „Und ich habe Deine Wohnung nicht verwüstet! Du warst nicht da und ich hatte Hunger – also habe ich mir selbst einen Snack genommen.“ Als er Dorées wenig einsichtiges Gesicht bemerkte fügte er hinzu: „Sei‘ mal nicht so kleinlich. Schließlich habe ich Dir auch nicht vorgeworfen, eine schlechte Gastgeberin zu sein. Dabei hast Du nicht mal Gläser in meiner Größe.“
Angesichts dieser Anschuldigung ließ Dorée sich erst einmal auf ihrem Lieblingssessel nieder. Reflexartig rutschte ihr ein „tut mir Leid“ über die Lippen, über das sie sich im Nachhinein ärgerte. Zebra freute die Entschuldigung über alle Maßen. Generös wischte er mit einer Handbewegung Dorées imaginäre Verfehlung vom Tisch.
„Das ist schon in Ordnung“, meinte der Kleine. „Du konntest ja nicht wissen, dass ausgerechnet ich Deiner Einladung folge.“
„Meiner Einladung?“ Er nickte und genehmigte sich die nächste Hand voll Chips. Er schien die Frage damit als erschöpfend beantwortet anzusehen. „Aber ich habe Dich nicht eingeladen!“
„Nicht?“, kam es undeutlich aus seinem übervollen Mund. „Dann guck mal in Dein Schlafzimmer!“ Unzählige kleiner Krümel gesellten sich zu ihren Verwandten, mit denen das Sofa bereits übersät war.
„Mein Schlafzimmer? Aber...“ Mit einer bösen Vorahnung sprang sie auf und lief in den Flur. Keine zwei Sekunden später stand sie vor ihrem Bett. Auf den ersten Blick war jedoch keine Katastrophe erkennbar. Wie immer war das Bett nicht gemacht und auch der Rest des Zimmers war alles andere als aufgeräumt – Dies stellte jedoch den Normalzustand dar. Von einer Einladung konnte Dorée keine Spur entdecken. Erleichtert atmete sie durch. Für einen Augenblick war sie sich nicht sicher, ob ihr seltsamer Besucher nur eine absurde Illusion gewesen war. Dann hörte sie, wie jemand hinter ihr geräuschvoll in eine Chipstüte griff.
„Du bist aber fix“, hörte sie Zebra noch sagen, bevor seine Futterluke erneut mit dem fettigen Snack gefüllt wurde. Als sie sich umdrehte, stand der Kleine mit der Chipstüte im Türrahmen und schaute treuherzig zu ihr auf.
„Hier ist nirgendwo eine Einladung.“ Ihr Tonfall machte die Feststellung zu einer Frage.
„Ach?“, meinte der Gestreifte immer noch kauend. „Und was ist das, das und das?“ Bei jedem „das“ zeigte er auf eines von Dorées offen herumliegenden Büchern.
„Bücher?“, vermutete sie.
„Genau. Offen herumliegende Bücher. Und da wir dieser Tage Jol haben...“ Er schien ernsthaft zu erwarten, dass spätestens jetzt der Groschen bei ihr fallen musste.
„Jol..?“
„Wintersonnenwende? Die Zeit, in der die Grenze zwischen den Welten besonders dünn ist?“ Er schüttelte den Kopf. „In Euren Schulen lernt man wohl gar nichts.“
„Aber...“ Doch der Kleine schnitt ihr mit einer offenbar viel geübten Geste das Wort ab. Würdevoll schritt er zu ihrem Bett hinüber. Dass sein runder Bauch dabei das Eigenleben eines schwingenden Kartoffelkloßes entwickelte, untergrub die Wirkung allerdings ein wenig. Schließlich sprang er auf ihr Kopfkissen und blieb vor einem dicken Schmöker mit schwarzem Umschlag stehen.
„Gute Bücher sind Tore zwischen den Welten“, dozierte er und demonstrierte dies zugleich. Mit geübtem Griff zog er zwei Zeilen im Buch auseinander. Sofort strömte weiches Sonnenlicht und ein intensiver Duft von Kräutern in den Raum, die Dorée noch nie gerochen hatte. Als er wieder los ließ kam ihr das Licht im Zimmer geradezu trüb und traurig vor. Erst jetzt bemerkte sie, dass ihr Unterkiefer heruntergeklappt war.
„Wenn Du die Bücher so offen rumliegen lässt, ist das eine Einladung, oder nicht?“ Als sie völlig überfordert nickte fügte er gönnerhaft hinzu: „Du hast Glück, dass ich und niemand anders die Einladung angenommen hat. Stell‘ Dir bloß vor, der kleine Fressack wäre zu Besuch gekommen. Da wäre ja nichts übrig geblieben.“ Dorée schluckte und sparte sich jeden Kommentar. Ohnehin war sie jetzt sicher, dass sie träumte.
„Ich freue mich ja auch, dass Du gekommen bist“, sagte sie und stellte fest, dass dies auch der Wahrheit entsprach. Das kleine gestreifte Gesicht begann zu strahlen. „Nur leider bekomme ich gleich noch Besuch von meinen Eltern, meinen Geschwistern und ein paar Verwandten. Die erwarten ein Festessen und jetzt weiß ich nicht, was ich denen anbieten soll. Und die Flecken im Teppich... Wenn ich denen von Dir erzähle...“ Zebra hob verstehend die Hand.
„Ja, ich weiß. In Welten ohne Magie reagieren die Leute manchmal komisch“, meinte er nickend. Dorée verkniff sich die Bemerkung, dass sie die Demonstration mit dem Buch für sehr magisch hielt. „Aber Du hast jetzt ja einen Freund, der sich um alles kümmern kann, nicht wahr?“ Als sie zustimmte, begannen seine Augen noch mehr zu leuchten. „Und von den paar Snacks, die Du im Haus hattest, wäre ja sowieso niemand satt geworden.“
Dann ging alles sehr schnell. Dorée wurde mit dem Versprechen, dass Zebra sich um alles kümmern würde, in ein heißes, entspannendes Bad komplimentiert. Mit der Leichtigkeit, die man eben nur in Träumen erlebt, ließ sie ihn gewähren. Ein paar Mal hörte sie seltsame Geräusche in der Wohnung. Nach einer Stunde der Entspannung dämmerte ihr jedoch, dass sie sich vielleicht doch nicht in einem Traum befand. Wurde sie verrückt?
Nervös stieg sie aus der Wanne und trocknete sich ab. Im Bademantel trat sie schließlich auf den Flur und tat die „ich-bin-wach-Hypothese“ augenblicklich als absurd ab. Gerade kam ihr ein knapp einen Meter großes Wesen mit blauer Haut entgegen. Das Gesicht war nasenlos und hatte große runde Augen, die sie mit unverhohlener Neugier musterten. Der Kopf war vollkommen kahl. Der einzige Schmuck war eine Linie flacher Hornzacken, die außerhalb ihres Blickfeldes den Nacken des Wesens hinunterlaufen mochten. Auf jeder Seite des Kopfes spannten sechs feine Knochen eine Art „Hautsegel“ auf, das den Kopf fast auf ganzer Länge einrahmte.
Das Wesen trug ein Tablett mit schwarzroten Kugeln an ihr vorbei, von dem ein köstlicher, fruchtiger Geruch aufstieg. Bevor sie das seltsame Männlein begrüßen konnte, war Zebras Stimme vom anderen Ende des Flurs zu hören.
„Mach‘ zu, Arul! Der Besuch kommt gleich!“
„Sklaventreiber!“, empörte sich ein dünnes Stimmchen von der Küchentür aus. Die Besitzerin des Stimmchens war nur wenig größer als Dorées Mittelfinger, hatte aber in etwa die Proportionen einer schlanken menschlichen Frau. Das schmale Gesicht wurde von zwei großen nachtblauen Augen dominiert, die kaum Raum für die winzige Nase und den kleinen Mund ließen. Statt Haaren trug sie helle igelähnliche Stacheln auf dem Kopf, deren Spitzen blau eingefärbt waren. Durch die seltsamen Augen und die merkwürdigen „Haare“ wirkte ihr Kopf irgendwie insektoid, ohne dadurch an Charme einzubüßen. Auf Libellenflügeln huschte sie hin und her, um mit magischen (?) Fingerschnipsern die Flecken aus  Dorées Teppich zu entfernen.
„Und Du musst Dir was anziehen“, ordnete Zebra an, während er wie ein Dirigent auf Dorée zeigte. Beruhigt, dass sie wirklich träumte, winke sie den beiden Neuankömmlingen zu und verschwand im Schlafzimmer. Vergnügt pfeifend öffnete sie den Kleiderschrank. Das Pfeifen blieb ihr jedoch im Hals stecken, als eine riesige schwarz geschuppte Hand aus dem Buch kam und ein Tablett mit blau/rosa gepunkteten Würstchen auf ihr Bett stellte.

„Ich bin gespannt, was Tante Frieda für Antworten bekommt, wenn sie bei ihrem Gemüsehändler nach Wastlineks fragt“, meinte Dorée kichernd. Sie saß mit Zebra auf der Couch und ließ nach dem mit Abstand besten Essen ihres Lebens den Abend ausklingen. Noch immer stand ihre gesamte Wohnung mit den erlesensten Speisen voll.
„Ich frage mich eher, was sie wohl zu dem Geschenk sagen wird, dass ich in ihrer Manteltasche deponiert habe“, antwortete Zebra feixend. Tante Frieda hatte es sich mit Dorées neuem Freund verscherzt, als sie sich erkundigte, woher sie denn dieses scheußliche Stofftier auf dem Sofa hätte. Dorée konnte und wollte sich kaum ausmalen, wie Tante Friedas Überraschung aussehen mochte. Prüfend zog der Kleine an den Zeilen des Buches.
„Ich muss los“, meinte er traurig.
„Aber das ganze Essen und das Geschirr?“
„Das hole ich nächstes Jahr wieder ab“, meinte er. „Und dann bleibe ich länger – oder Du kommst mit zu mir, wenn wir hier alles aufgegessen haben.“ Er strahlte sie an. Nach einer innigen Umarmung zog er die Zeilen auseinander und war verschwunden. Erst als er weg war dämmerte ihr die Bedeutung seiner letzten Worte.
„Ihn besuchen?“

©2011 Guido Krain