...von Alisha Bionda (Literra.info) PDF Drucken

A.B.: Lieber Guido, es wird höchste Zeit, mit Dir ein Interview zu führen, denn Du scheinst in den letzten beiden Jahren nur aus Kreativität und Projektvielfalt zu bestehen. Doch zuerst einige persönliche Fragen an Dich, damit Dich die Leser besser kennenlernen: Was gibt es über Dich als Mensch zu sagen?
G.K.: Tja, wenn man die Person selbst danach fragt, fragt man ja bekanntlich den falschen. Was ich aber sicher sagen kann ist, dass ich ein glücklicher Mensch bin. Ich konnte meine Passion zum Beruf machen und habe mich auch privat mit den richtigen Leuten zusammengetan. Dies gilt an besonderem Maße für meine Frau. :o)

A.B.: Was zeichnet Dich in Deinen Augen aus?
G.K.: Ich bin alles andere als ein konservativer Mensch. Trotzdem ist mir Höflichkeit, Fairness und Respekt wichtig.
Und beruflich bin ich zumindest bemüht, immer etwas Neues zu schreiben und nicht die 200. Variante einer bekannten Geschichte zu erzählen.

A.B.: Was magst Du, und was eher nicht?
G.K.: Das ist ein weites Feld.
Ich liebe Sprache. Gerade Deutsch ist – zumindest noch – eine sehr präzise Sprache, in der feinste Nuancen ausdrückbar sind. Menschen, die beruflich mit Sprache zu tun haben, sie aber nicht beherrschen, sind mir hingegen ein Greul. Dabei rede ich nicht von Rechtschreibung – da wurden ja mittlerweile alle Klarheiten beseitigt. Sondern von Menschen, die Worte falsch anwenden.
Heute kennt zum Beispiel kaum jemand mehr den Unterschied zwischen „real“ und „reell“. Nervtötend finde ich Leute, die sich selbst nicht mehr zuhören und deshalb immer die gleichen Stereotypen nachplappern. Zum Beispiel: „Frau Schlotterbeck wurde brutal erschlagen.“ Ich scheitere daran mir vorzustellen, wie jemand zärtlich erschlagen werden könnte. Erstaunlich ist auch, dass in der Presse immer über ein „Tauziehen“ berichtet wird, sobald Politiker verschiedene Standpunkte vertreten. Es gibt auch keine Auftritte mehr, sondern nur noch „Performances“. Ich weiß nicht, ob es schlimmer ist, dass manche Schreiberlinge nicht mehr in der Lage sind, sich präzise auszudrücken, weil sie weder Grammatik noch Worte ausreichend beherrschen, oder ob die größere Katastrophe darin liegt, dass es kaum noch jemand merkt.
Vielleicht sehen das viele als kleinlich an, mir tun solche Sprachvergewaltigungen aber regelrecht weh. Ich kann es sehr genießen, wenn sich jemand geschickt auszudrücken weiß. Das gilt nicht nur für Deutsch und auch nicht nur für Kunst.

A.B.: Welche Hobbies hast Du?
G.K.: Hobby und Beruf gehen bei mir teilweise ineinander über, weil sie zum Teil auseinander entstanden sind. Ich bin passionierter Pen & Paper-Rollenspieler und kann mir natürlich auch hier das Weltenbauen nicht verkneifen. Ich fotografiere leidenschaftlich gern, was mir in meiner journalistischen Laufbahn natürlich sehr geholfen hat. Und ich liebe es auch, graphisch zu arbeiten. Sei es mit 3D-Programmen oder Photoshop. Vermutlich würde ich auch zeichnen, wenn meine Versuche in dieser Richtung nicht ganz so niederschmetternd gewesen wären ;o) Ab und zu mache ich auch gerne mal ein PC-Spiel.

A.B.: Wolltest Du immer schon Schriftsteller werden oder war es eher eine Folge Deiner persönlichen Entwicklung?
G.K.: In der Schule fand ich schreiben unsagbar langweilig und anstrengend. Das änderte sich erst als ich gemerkt habe, wie gut man mit Sprache das eigene Kopfkino auf Papier festhalten kann. Ich wäre aber nie auf die Idee gekommen, Schreiben zum Beruf zu machen. Das ist einfach passiert.

A.B.: Wann hast Du zu schreiben begonnen? Und womit?
G.K.: Mit sieben Jahren habe ich meine ersten Kurzgeschichten, wenn man die so nennen kann, auf einer riesigen mechanischen Schreibmaschine geschrieben. Die waren nicht ganz ein DinA4-Blatt lang.

A.B.: Hast Du eine fest strukturierte Methode, wie Du ein Projekt „angehst“?
G.K.: Das kommt auf das Projekt an, aber es gibt natürlich ein paar feste Grundregeln. Da fast immer Abgabetermine einzuhalten sind, steht am Anfang immer die schnöde Zeitplanung. Dann muss das Projekt oder der Plot entwickelt werden, was die Zeitplanung natürlich ins Wanken bringen kann. Denn leider kann man – oder zumindest ich – Kreativität nicht zwingen. Wenn man Glück hat, wird der Plot dann bei Schreiben lebendig.

A.B.: Schreibst Du gerne zu einer bestimmten Zeit? Lieber tagsüber, lieber abends/nachts? Wie sieht Dein Tagesablauf aus?
G.K.: Ich bin ein Nachtmensch ohne geordneten Tagesablauf. Ich schreibe meistens bis morgens um fünf und versuche, die Pflichten des Alltags möglichst tagsüber erledigt zu haben.

A.B.: Bevorzugst Du eine bestimmte Atmosphäre oder benötigst Du besondere Ruhe wenn Du schreibst?
G.K.: Erfreulicherweise bringt mein Schreibtisch diese Atmosphäre mit sich. Er ist ein riesiges, schwarzes, verrammeltes Monstrum von einem Schreibtisch, den ich vor einem Vierteljahrhundert im Ausverkauf eines Möbelhauses erworben habe. Wenn dann Nachts nur meine Tastatur und dieses geliebte Monstrum im Schein des Monitors zu sehen ist, kommt der Rest von allein.

A.B.: Schreibst Du an mehreren Projekten gleichzeitig oder trennst Du das strikt?
G.K.: Mir bleibt nichts anderes übrig, als häufig auf mehreren Hochzeiten gleichzeitig zu tanzen. Allerdings halte ich es für sehr unproduktiv, an mehreren belletristischen Projekten gleichzeitig zu schreiben. Ich arbeite also häufig tagsüber an journalistischen oder PR-Projekten, um mich nachts wieder dem Geschichtenerzählen zuzuwenden.

A.B.: Welchen Genres ordnest Du Dich zu? Und welches reizt Dich am meisten?
G.K.: Ich glaube „phantastische Literatur“ trifft es am besten, wobei meine Schwerpunkte bei Fantasy, SF, Steampunk und ein bisschen Horror liegen. Jedes dieser Genres hat seine eigenen Vorzüge für mich und es fällt mir schwer, mich da auf eine klare Rangliste festzulegen. Hinzu kommt, dass es immer wieder auch Projekte anderer Genres gibt, die mich reizen. Zum Beispiel haben mir meine Sherlock Holmes Kurzgeschichten Appetit gemacht, vielleicht auch mal einen längeren Krimi zu schreiben.

A.B.: Jüngst ist Dein Roman MASKEN DER SINNLICHKEIT im Fabylon Verlag erschienen. Schildere uns doch bitte kurz, was den Leser darin erwartet.
G.K.: In „Masken der Sinnlichkeit“ erzähle ich die Geschichte meiner verträumten Freundin Vanadis. Sie ist ein Bauernmädchen, das 1766 als Zofe der Mätresse von Herzog Carl Eugen an den Fürstenhof kommt und hier mehr als ein blaues Wunder erlebt. Die Geschichte spielt vor einem realen Hintergrund. So sind die dekadenten Ideen des Herzogs in meinem Roman historisch verbürgt. Auch wenn vieles kaum zu glauben ist: Diesen Mann hat es tatsächlich gegeben. Ein großer Teil des Romans spielt im Karneval von Venedig, der damals seine Blütezeit erlebte; auch hier habe ich mich natürlich bemüht, eine kleine Zeitreise zu ermöglichen.
„Masken der Sinnlichkeit“ ist aber kein historischer Roman und will das auch nicht sein. Ich erzähle die Geschichte eines Mädchens, das einen manchmal schweren Weg geht, um seine Bestimmung zu finden. Im Zentrum steht das Übernatürliche und eine ständig schwelende, manchmal bedrohliche Form von Erotik. Mystisch-erotisch wäre vielleicht der richtige Begriff. Für mich stand nicht so sehr die Beschreibung des Aktes, sondern etwas Unterschwelligeres im Mittelpunkt. Etwas Kreatürliches, das Frauen und Männer miteinander verbindet. Ich hoffe, dass meine Leser daran genauso viel Gefallen finden wie ich.
Und – nein, es geht nicht um Vampire.
Wenn man nicht allzu viel Wert auf historische Nachprüfbarkeit legt, findet der Leser sogar die Begründung für einige ungelöste Rätsel der Geschichte. Zum Beispiel, warum Carl Eugen mitten in der ärgsten Krise so hastig nach Venedig aufbrach oder warum die venezianische Bevölkerung überhaupt auf die Idee mit den Masken kam. ;o)

A.B.: Du verfasst ja auch Kurzgeschichten? Was reizt Dich daran?
G.K.: Ich habe selbst immer gerne Kurzgeschichten gelesen und finde sie außerordentlich unterhaltsam. Und da man aus vielen guten Ideen leider keinen Roman machen kann, weil sie dafür entweder zu wenig hergeben oder man zu wenig Zeit hat, sind Kurzgeschichten oft das Mittel der Wahl. Es fällt mir nur oft schwer, mich an die Längenbegrenzungen zu halten.

A.B.: Hast Du eine Kurzgeschichte, die Du selbst als Deine beste bezeichnen würdest?
G.K.: Das ist schwer zu sagen. Ich sehe zuweilen Qualitätsunterschiede zwischen meinen Geschichten. Welche ich aber am besten finde, schwankt je nach Tagesform. Am meisten Komplimente habe ich für „Indigo“ aus „Schattenversuchungen“ (ARS AMORIS, Fabylon) und „Der Gesichtslose von Chiddingstone“ aus „Der verwunschene Schädel“ (Voodoo Press) bekommen.

A.B.: Man kann Beiträge von Dir in einigen Anthologien finden. Was ist ausschlaggebend dafür, an welchem Projekt Du Dich beteiligst? Herausgeber? Verlag? Thematik?
G.K.: Das spielt alles eine Rolle. Wenn ich mit einer Thematik nichts anfangen kann, kann ich keine gute Qualität liefern und nehme solche Projekte deshalb gar nicht erst an. Natürlich spielen neben Herausgeber und Verlag auch meine Zeit immer eine Rolle.

A.B.: Hast Du ein Vorbild?
G.K.: Nein.

A.B.: Schreibst Du lieber alleine oder mit Co-Autoren?
G.K.: Ich stehe erst davor, meinen ersten Roman mit Co-Autoren zu schreiben. Ich freue mich sehr auf die Erfahrung, glaube aber, dass ich auf lange Sicht eher der Einzelschreiberling bleiben werde.

A.B.: Du wirst ja mit den Episodenromanen „Erben der Luna“ (Fabylon) und „Equinox“ (p.machinery) an zwei TriAdeM-Printprojekten beteiligt sein. Welche Vorteile siehst Du an solchen Gemeinschaftsprojekten?
G.K.: Da gibt es gleich mehrere. Zum einen verstehen meine beiden Co-Autorinnen ihr Handwerk, haben aber beide einen vollkommen anderen Schreib- und Erzählstil. Damit wird es möglich, Handlungsperspektiven und/oder verschiedene Erzähler viel deutlicher voneinander zu trennen. Für das Produkt verspreche ich mir davon eine besondere Qualität. Zum anderen kann man bei solchen Co-Produktionen bestimmt den einen oder anderen handwerklichen Kniff lernen und sich so weiterentwickeln.
Auch wenn es vom Leser vermutlich nicht wahrgenommen wird denke ich, dass die Arbeit mit guten Co-Autoren für den Autor eine eigene Kunstform sein kann, die irgendwo zwischen Novelle und Roman liegt.

A.B.: Liest Du regelmäßig? Wenn ja, was bevorzugt?
G.K.: Ich lese sehr viel. Nachdem ich eine gewaltige Sammlung phantastischer Literatur aufgekauft habe, in der Bücher von 1940 bis 1990 zusammengetragen worden waren, lese ich natürlich viele vergriffene Titel. Aber natürlich lese ich auch neue Bücher. Meine Lieblingsautorin ist Elaine Cunningham, die man allerdings im Original lesen sollte. Sehr gerne lese ich auch Shadowrun-Romane.

A.B.: Wie wichtig ist Dir der Kontakt zu Deinen Lesern?
G.K.: Sehr wichtig. Es ist immer sehr motivierend wenn man merkt, dass die eigenen Geschichten auch fremde Menschen bewegen.

A.B.: Wie gestaltet sich dieser?
G.K.: Derzeit primär per Mail.

A.B.: Hältst Du auch Lesungen ab? Oder kann man Dich auf Cons antreffen? Wenn ja, auf welchen?
G.K.: Da gibt es noch keine festen Termine. Ich hoffe aber, dass ich im nächsten Jahr Zeit finde, um ein paar Lesungen durchzuführen. Auch Cons sind sehr interessant. Sobald Termine feststehen, werden sie natürlich auf meiner Homepage www.guido.krain.de veröffentlicht.

A.B.: Gibt es Menschen, die Dich bei Deinem schriftstellerischen Werdegang unterstützt haben? Freunde, Familie, Kollegen? In Deinen Anfängen und jetzt?
G.K.: Oh ja, schließlich lebt ja niemand im luftleeren Raum. Meine Eltern haben mir immer alle Wege offen gehalten und ein Freund hat mich dazu gebracht, meinen ersten Roman zu schreiben. Und natürlich wäre mir die derzeitige Konzentration auf schriftstellerische Arbeiten nicht möglich, wenn meine Partnerin nicht mitziehen würde. Ich bin ihr da sehr dankbar.

A.B.: Welchen Rat würdest Du Newcomer-Autoren für die Verlagssuche geben?
G.K.: Das habe ich lange aufgegeben, weil ich feststellen musste, dass meine Erfahrungen nicht denen von anderen Autoren entsprechen müssen. Offensichtlich gibt es da keinen „goldenen Weg“.

A.B.: Worin siehst Du die Vor- und Nachteile in der Klein- und Großverlagsszene?
G.K.: Ich denke, dass die Kleinverlage eine unglaublich wichtige Rolle dabei spielen, den Reichtum und die Vielseitigkeit des Buchmarktes am Leben zu erhalten. Kleinverlage bedienen häufig Nischen und sind oft mehr aus Liebe zum Buch bei der Sache, was man an den Produkten immer wieder sieht.
Großverlage bieten einigen wenigen Autoren hingegen die Möglichkeit, ohne Mühe von ihren Romanen zu leben. Leider handeln Großverlage häufig wie Konzerne: Bücher sind nur ein Produkt, dessen Wert ausschließlich durch dessen Umsatz bestimmt wird. Leider setzen Großverlage deshalb häufig auf Lizenzen aus dem Ausland, um das Risiko möglichst zu minimieren.
Trotzdem wünscht sich natürlich jeder Autor, möglichst viele Titel bei Großverlagen unterzubringen, um viel gelesen zu werden und ein sorgenfreies Leben führen zu können. Sollte ich einmal Bestsellerautor werden, wäre es mir aber wichtig, weiterhin ein paar Titel in Kleinverlagen zu veröffentlichen. Qualitativ müssen sich Kleinverlage meiner Erfahrung nach nicht hinter Großverlagen verstecken.

A.B.: Woran arbeitest Du derzeit? Auf was dürfen sich die Leser künftig freuen?
G.K.: Derzeit arbeite ich an dem Prolog zu meinem neuen Roman „Argentum Noctis“, der im kommenden Jahr erscheinen wird. Es geht um eine – wie ich meine - ungewöhnliche Steampunkgeschichte und ich bin mit Feuereifer bei der Sache.
Der Prolog wird eine längere Novelle sein und im ersten Band der von Dir im Fabylon-Verlag herausgegebenen Steampunk-Reihe erscheinen. „Argentum Noctis“ wird dann im Dezember 2012 als Band 3 der Reihe in die Regale kommen. Vielleicht passend zu Weihnachten, denn neben einigem Unbill und spannenden Momenten, die ich meinen nicht alltäglichen Protagonisten antue, gibt es bestimmt auch nachdenkliche Momente. Schließlich geht es um das, was uns alle ausmacht.

A.B.: Vielen Dank für das geduldige Beantworten meiner Fragen. In dem nächsten Teil des Interviews möchte ich Dich gerne zu Deinen Kurzgeschichtprojekten befragen.