Die Wasserhexe PDF Drucken

Ihre Schreie hallten wie sterbende Seelen durch das Gewölbe. Doch die schwindenden Kräfte ihres malträtierten Halses erweichten die Herzen ihrer Peiniger nicht; reichten nicht einmal aus, ihre Schmerzen durch die dicken Mauern des Kerkers zu tragen. Schon vor Tagen hatte sie aufgehört, um Gnade zu bitten, und sie wußte, daß sie nur noch wenige Tage von dem Augenblick trennten, an dem sie ihr letzter Verbündeter, die Hoffnung, verlassen würde.

Wieder ergoß der große eiserne Kessel einen Schwall übelriechender Flüssigkeit über ihren nackten Körper. Die unerträglich heiße Brühe schlug einen Herzschlag lang über ihr zusammen und riß ihr einen langgezogenen Schrei von den Lippen. Der Schmerz ebbte ab und ihr Kinn fiel unkontrolliert wimmernd auf ihre Brust. Niemand sagte etwas... Es gab nichts zu sagen, die  Rollen waren verteilt.

Schnaufend hievten die Männer den Kessel von der ächzenden Schiene, entfernten die schweren Ketten und stellten ihn wieder auf die Feuerstelle, die direkt neben dem großen, brackigen Wasserloch aufgeschüttet worden war. Cuna hatte schon lange aufgehört zu zählen, wie viele Kessel von der ekelhaften Flüssigkeit sie heute über ihr geleert hatten. Mal war das Wasser eiskalt, mal brühend heiß, doch für ihr Leid machte das kaum einen Unterschied. Sie wunderte sich, daß sie noch die Kraft zum Schreien hatte.

Für heute schien die Arbeit der beiden getan zu sein, denn sie machten keine Anstalten, den Kessel erneut zu füllen. Stattdessen riß ihr einer der beiden den Kopf in den Nacken, um ihr geräuschvoll ins Gesicht zu spucken. Sie nahm die Erniedrigung ohne einen Laut hin und schloß resigniert die Augen. Doch selbst das Ausbleiben einer weiteren Reaktion schien auszureichen, die Herzen der beiden Folterknechte zu erfreuen. Beide Männer lachten, löschten mit einer schweren Pfanne das Feuer und trollten sich dann in dem Wissen, ihr Tagewerk für heute verrichtet zu haben. Als die schwere Tür hinter ihnen zugefallen war, wischte sie sich tonlos weinend den Speichel aus dem Gesicht. Vielleicht kehrten sie jetzt heim zu ihrer Familie, um ihre Qualitäten als liebende Väter unter Beweis zu stellen...

Für Cuna würde das keine Rolle spielen. Sie würde morgen erneut Besuch von Ilvas bekommen und dann würde er ihr unbeirrt all die Fragen stellen, die sie bereits auswendig mitsprechen konnte. “Wo sind die anderen? Wem dient Ihr? Wen wolltet Ihr töten?”. Und wieder würde sie keine Antworten haben, die ihn zufriedenstellten. Dann würde die Folter weitergehen. Erst hatten sie sie geschlagen. Ihr Elfenkörper war noch immer eine einzige Landkarte des Schmerzes. Schwellungen, verschorfte Wunden und aufgeplatzte Haut kündeten von gemeinen Schlägen und dumpfer Brutalität. Als diese Methode nach einer Woche keine Erfolge erzielt hatte, wurde sie nackt und hilflos der Kälte dieses Raumes ausgesetzt. Sie hatte nichts zu essen bekommen und eine weitere Woche in lichtlosem, kalten Dunkel verbracht. Mehr als einmal hatte sie geglaubt, jeden Moment wahnsinnig zu werden.

Doch nach einer Woche war die schwere Tür wieder aufgegangen und Ilvas war mit seinen Schergen die schäbige Treppe zu ihr hinuntergekommen. Natürlich hatte sie immer noch keine Antworten für ihn. Sie war nur eine verstoßene Scootia, eine “Feuerelfin”, die dumm genug gewesen war, ausgerechnet bei den Menschen Zuflucht zu suchen. Und für die Menschen waren ihre kurzen spitzen Hörner, ihre rote Haut und ihr blaues, metallisch schimmerndes Haar Grund genug, sie für irgendein bösartiges Monster zu halten.   Sie würde diesen Keller nie wieder verlassen.

Ein tiefes Schluchzen entrang sich ihrer Kehle.

“Cuuunnnahhh!” Das geisterhafte Flüstern schwang wie ein sanfter Wind durch den Raum. Sie hatte es zum ersten Mal in ihrer lichtlosen Einzelhaft gehört. Zuerst waren es hunderte von Stimmen gewesen, die wild durcheinander auf sie eingeflüstert hatten. Jetzt war es nur noch eine, und sie konnte sogar verstehen was sie sagte. Sie hauchte ihren Namen!
Oh nein, sie weigerte sich einfach wahnsinnig zu werden. Vielleicht würde vieles einfacher werden, wenn sie die Realität vergaß, aber niemals würde sie ihre Würde aufgeben. Niemals!

“Cuuuunnnnaaaahhhh!” Die geschlechtslose Stimme hatte etwas Tastendes... etwas Verzweifeltes. Und sie machte Cuna mehr Angst, als die Menschen es mit all ihren Foltern geschafft hatten.

“Laß´ mich in Ruhe!”, schrie sie mit zitternder Stimme. Dann wurde ihr klar, daß sie mit den Stimmen zu reden begann und dies der erste Schritt zum Wahnsinn war. Zitternd starrte sie ins Dunkel und wartete darauf, daß die geisterhafte Stimme sie wieder quälen würde. Doch was auch immer in diesem Raum oder ihrem Kopf lauerte blieb stumm.
Lange Minuten – oder waren es Stunden? – zogen vorüber. Die Stimme schien sie mit dem leisen Gluckern des Beckens allein gelassen zu haben. Konnte es so einfach sein? Hatte sie nur sagen müssen, daß sie allein gelassen werden wollte? Würde das morgen mit Ilvas auch so gehen?

Gegen ihren Willen wurde Cuna von einem humorlosen Lachen erfaßt. Ein Lachen, das ihren Körper wie Schüttelfrost erfaßte; ja geradezu in Besitz nahm. Laut und hysterisch wurde es von den Wänden zurückgeworfen, bis es sie hilflos schluchzend und zusammengesunken auf dem feuchten Boden zurückließ. Da! War da nicht ein Wispern gewesen? Das Schluchzen zog sich wie aufgescheuchtes Wild zurück und überließ ihre Seele dem blanken Horror.

“Bittttttehhhh!”, hauchte es aus der Dunkelheit. Wer auch immer dort flehte, war so verzweifelt, daß er bis zu den Quellen des Lozcal geschwommen wäre, um seine Lage zu verändern. Es mußte ihre eigene Stimme sein... Voller Entsetzen preßte sie die Hände auf die Ohren.

Plötzlich war der brackige Gestank des Beckens so nah, als wären ihre Peiniger zurück, und kurz davor, die ekelhafte Flüssigkeit erneut über ihr auszugießen. Doch es war nur eine kleine Welle, die ihr über die nackten Beine schwappte und sie schreiend auf die Füße springen ließ. Hilflos angekettet stand sie in der Brühe, mit der sie schon den ganzen Tag gefoltert worden war und die einfach nicht hier sein konnte. Das Becken war beinahe acht Meter von ihr entfernt!

Sie konnte nichts tun als zu schreien. Sie schrie so schrill, daß es ihren empfindlichen Ohren wehtat, aber die Stimme konnte sie nicht abwehren. Sie war plötzlich in ihr.  “Bitte Cuna”, hauchte es. Völlig unbehelligt von ihrem infernalischen Schrei drang das geisterhafte Flüstern direkt in ihren Kopf. “Bitte nicht.” Die Verzweiflung der Geisterstimme war beinahe beruhigend. Ohne, daß sie bewußt etwas dazu getan hätte, brach ihr Schrei ab. Schlotternd vor Angst und mit rasendem Herzen versuchte Cuna die Dunkelheit zu durchdringen.
“Ich bin hier gefangen wie Du”, hauchte es wieder und zog ihr eine Gänsehaut über den Rücken. “Ich werde gefoltert wie Du, aber ich kann nicht im Tod erlöst werden... wie Du.”

“Aber hier ist doch niemand!”, schrie Cuna mit sich überschlagender Stimme.

“Doch.... ich. ...wir.” Sanft gluckernd überspülte die stinkende Brühe ihre Knie. Das Wasser! Cuna durchfuhr die Erkenntnis wie ein Schlag. Das Wasser redete mit ihr! Das war wohl der Beweis, daß sie endgültig den Verstand verloren hatte.

“Cuna?” Das geschlechtslose Säuseln klang beinahe panisch. Als sei das Ausbleiben ihrer Antwort die größte Katastrophe, die ihr passieren könnte.

“Du bist das Wasser?”, fragte sie zaghaft.

“Wir sind das Wasser, die Schrecken und die Toten, die die Menschen über Jahrhunderte in unserem Becken versenkt haben. Wir sind unser eigener Alb.” Die Stimme zerfaserte jetzt wieder in Einzelstimmen, die zum Teil versuchten, von eigenem Leid zu erzählen und zum Teil wie ein unheimlicher Chor mit ihr redeten. Die Dunkelheit füllte sich zunehmend mit Wispern, Flüstern und Klagen; bis Cuna nicht mehr konnte.

“Bitte!” schrie sie, und die Stimmen verstummten erneut. Sanft zog sich das Wasser bis zu ihren Knöcheln zurück. Am ganzen Körper zitternd stand sie da und starrte in die Dunkelheit. “Warum quält Ihr mich so?” Das Wasser zog sich noch weiter zurück, bis es gerade noch ihre Zehen berührte.

“Wir würden Dich nie quälen, schöne Zauberin”, wisperte es geradezu bestürzt.

“Ich bin keine Zauberin! Ich kann ja nicht einmal aus diesem Loch fliehen.”

“Doch. Du bist eine Zauberin. Du kannst uns hören”, flüsterte die Stimme überzeugt. Was würde die Stimme tun, wenn sie herausfand, daß sie sich irrte? Würde sie sie töten? Und wäre das nicht sogar in ihrem Sinne? Gab es die Stimme überhaupt, oder bildete sie sich doch nur alles ein? Alles in ihrem Kopf schien sich zu drehen.

“Was wollt ihr von mir?”

“Freiheit!”, zischte es mit zehntausend Stimmen. Die Brühe stieg wieder über ihre Knie.

“Aber... Aber ich kann mich doch nicht einmal selbst befreien”, schrie sie verzweifelt. Immer mehr Stimmen flüsterten wild durcheinander. Es dauerte mehrere Minuten, bis die Stimmen wieder eins wurden.

“Wir befreien Dich, wenn Du uns... annimmst.”

“An..nimmst?” Cuna war immer mehr davon überzeugt, dem Wahnsinn verfallen zu sein. Wenigstens hatte sie die Angst vor den Stimmen aus der Dunkelheit verloren und so war es besser, als allein in der Finsternis zu hocken und auf den Morgen zu warten.

“Sei unsere Freundin, Cuna. Führe uns.... Vertraue uns.... Umsorge uns... Befreie uns... Werde eins mit uns...” Sanft und einschmeichelnd flüsterte die Stimme, und der ganze Raum hallte wider vom leisen Plätschern des Wassers, das in erwartungsvollen Wellen gegen die Wände lief. Die stinkende, unheimliche Brühe, mit der sie seit Tagen gefoltert wurde, schenkte ihr eine eigenartige Form von Geborgenheit, die sie nicht verstand.

“Ich will gern Eure Freundin sein, aber...”, begann sie, doch weiter kam sie nicht. Betäubend kalt schlug die Brühe über ihr zusammen, erstickte den Rest ihrer Worte und riß sie von den Füßen. Sekundenlang kämpfte sie gegen die Gewalt des Wassers, um Orientierung und Luft. Doch dann merkte sie, daß sie auch untergetaucht atmen konnte. Der Wasserkörper umschloss sie wie eine schützende Wand. Sie genoss die absolute Sicherheit, die eigentlich kleinen Kindern auf dem Schoß ihrer Mutter vorbehalten ist. Ihre Haut prickelte von der eisigen Kälte des Wassers, die auf geheimnisvolle Weise nicht in ihr Fleisch vordringen konnte. Dann kam die Trauer und das Entsetzen. Hunderte von Leben, tausend Bilder und Millionen Schreie der Qual zogen an ihrem inneren Auge vorbei. Sie wurde eins mit den Toten und den Kindern des Flusses, die so lange schon von ihrer Mutter getrennt waren. Ihr eigenes Leid wurde bedeutungslos.

So schnell, wie es gekommen war, gab das Wasser sie wieder frei und zog sich bis zu ihrem Bauchnabel zurück. Ihre noch vor wenigen Augenblicken so unzerstörbar wirkenden Ketten fielen als bräunliche Rostklumpen von ihr ab. Doch es gab ein neues Band, das sie mit diesem Ort verband. Das Wasser hatte seine beängstigende Ausstrahlung und jede Widerwärtigkeit verloren. Es waren ihre Freunde und sie würde alles in ihrer Macht stehende tun, um den Freundschaftsdienst zu erwidern, den das Wasser ihr erwiesen hatte.

Wie betäubt blieb sie noch viele Minuten inmitten ihrer mit tausend aufgeregten Stimmen flüsternden Freunde sitzen und fuhr sanft mit weit gespreizten Fingern durch sie hindurch. Doch dann erhob sie sich entschlossen und ging langsam tastend die schäbige Treppe zu ihrer Zellentür hinauf. Ihre Beine taten ob der langen Gefangenschaft nur widerwillig ihren Dienst und ließen sie an ihren Fluchtchancen zweifeln, aber sie verdrängte die Schwäche ihres Körpers. Mit diesem Problem würde sie sich beschäftigen, wenn es soweit war. Die Verbindung mit dem Wasser hatte sie ein großes Stück sicherer werden lassen.

Am Kopf der Treppe versperrte ihr eine schwere Tür aus massiver Eiche den Weg. Mehrere Minuten stand sie still vor dem Hindernis und lauschte mit ihren überlegenen Scootia-Ohren in den dahinter liegenden Gang hinein. Doch da war nur Stille. Beißende Kälte zog wie der Tod selbst über die Fußsohlen in ihre Beine hinein. Auch wenn sie es bisher nicht so empfunden hatte, war ihre Zelle zwar kalt, aber der Boden offenbar durch die täglich brennenden Feuer einigermaßen warm gewesen.

Entschieden ging sie die Treppe wieder hinunter und tauchte in die wartenden Fluten, ihre Freunde, ein. Als bestünde ein telepathisches Band zwischen ihnen, wußten sie was zu tun war. Jede Pore ihres Körpers füllte sich mit Flüssigkeit. Wie ein Schwamm nahm ihre Haut das Wasser auf und schloss es sicher ein. Deutlich aufgedunsen tastete sich Cuna die Stufen wieder hinauf und begann, sich mit aller Kraft gegen die alte Tür zu pressen. Das Wasser löste sich aus ihrer Haut und drang mit der Hartnäckigkeit eines eingesperrten Tiers in das alte Holz vor. Fasern, die noch Jahrhunderte vor sich gehabt hätten, wurden durchweicht, aufgelöst und weggeschwemmt. Innerhalb kürzester Zeit stand Cuna in einer Art Pfütze aus Holzschlamm. Jeder Tropfen Wasser, der seinen Teil Holz aus der Tür gelöst und auf dem Boden abgesetzt hatte, strömte wieder über ihren Körper nach oben, um sein Werk erneut zu beginnen. Schließlich durchschritt Cuna ein Loch in der zentimeterdicken Tür, das ihrer Silhouette genau nachempfunden war. Der größte Teil des Wassers blieb zurück - sie mußte ihren Körper schonen.

Ein dunkler Gang und große Kälte empfing sie. Von weiter oben drangen leise Geräusche zu ihr hinab. Irgendjemand klapperte mit Geschirr... Unbeirrt suchte sie ihren Weg zu der Steintreppe, über die man sie in ihr Verließ gebracht hatte. Ihre Hand glitt über Dinge, von denen sie gar nicht wissen wollte, um was es sich handelte, und scheuchte Ungeziefer auf, aber sie fand nach kurzer Zeit den Handlauf, der die Stufen nach oben begleitete. Vorsichtig begann sie den Aufstieg.

Nach der ersten Wende der Treppe wurde die Schwäche ihrer Beine zu einem ernsten Problem. Zum Ausgleich dafür konnte sie einen Lichtschein ausmachen, der ihren an die Dunkelheit gewöhnten Augen endlich ermöglichte, ihre Umgebung wenigstens schemenhaft wahrzunehmen. Irgendwo über ihr waren Menschen.

In einer nicht enden wollenden Tortur überwand sie ungezählte Biegungen der Treppe. Ihre Beine hätten sie schon lange im Stich gelassen, wäre da nicht der süße Ruf der Freiheit gewesen, der ihr Herz beschleunigte und ihren Willen stählte. Schließlich überwand sie die letzte Biegung und sah in einen mit einfachen Öllampen erleuchteten Raum. Durch hohe, vergitterte Fenster konnte sie das erste Grau des neuen Tages ausmachen und schöpfte neue Kraft. Nur mit Mühe unterdrückte sie ein lautes Juchzen.

Alles, was sie tun mußte, war, die Tür auf der anderen Seite des Raumes zu erreichen und die dahinter liegende Halle zu durchqueren. Ihr Gefängnis lag unmittelbar am Fluß. Ihr Hindernis bestand aus zwei vierschrötigen Männern, die hier zusammensaßen und sich mit einem Würfelspiel die Zeit vertrieben. Der Tisch, an dem die beiden saßen, war mit benutztem Geschirr, Ketten und Waffen geradezu überladen. Die Männer selbst rochen nach billigem Alkohol und machten nicht wirklich den Eindruck, ihre Sinne noch vollkommen beisammen zu haben. Dennoch würde sie es nie schaffen, einfach zur gegenüberliegenden Tür zu laufen, den Riegel beiseite zu ziehen und zu entkommen.

Verdammt! Sie hatte keine Zeit! Bald würde Ilvas kommen und nach ihr sehen. Kurz drückte Verzweiflung ihre Kehle zu, aber dann riß sie sich zusammen. Mit nichts als einem freundlichen Lächeln am Leib betrat sie den Raum, nickte den beiden freundlich zu und schritt ohne Hast an ihrem Tisch vorbei. Der größere von beiden sah aus, als würde ihm gleich der Unterkiefer vor die Füße fallen. Der andere goß sich vor Schreck den eigenen Fusel über die Brust. Vollkommen entgeistert starrten sie ihr hinterher. Sie hatte schon fast die Tür erreicht, als sie endlich auf die Füße sprangen.

"He, Moment mal”, rief der eine lahm. Cuna startete durch. Mit einem Hechtsprung fischte sie eine Laterne von der Wand und warf sie hinter sich auf den Boden. Augenblicklich wurde das Zimmer zum flammenden Inferno. Panisch schrien die Wächter auf und traten eilig den Rückzug auf die Treppe an. Augenblicke später füllten dicke Rauchschwaden den Raum und verbargen sie vor ihren Blicken. Dennoch mußte Cuna sich beeilen; die Schreie der Wächter würden nicht lange ungehört bleiben.

Hustend bekam sie endlich den schweren Riegel gelöst und riß die Tür auf. Das Feuer loderte fauchend auf und verschaffte so der Scootia wertvolle Augenblicke. Die Wachen im großen Eingangssaal sahen eben nicht jeden Tag eine nackte Feuerelfin, die gemeinsam mit einer Flammenwand in den Raum stürzte. Einzig Ilvas, der mit seinen beiden Schergen wohl gerade auf dem Weg zu ihr gewesen war, schien sich nicht beirren zu lassen. Geistesgegenwärtig entriß er einem Wächter seine Armbrust, doch Cuna war zu weit gekommen, um sich jetzt noch aufhalten zu lassen.

So schnell, wie noch nie in ihrem Leben sprintete sie quer durch die Halle und zum großen Portal hinaus. Behende wie ein Torinko übersprang sie eine kleine Mauer, mehrere Büsche und lief hakenschlagend an Bäumen vorbei. Sie hatte keine Ahnung, woher sie plötzlich die Kraft nahm, aber sie lief wie aufgezogen. Schon sah sie den Fluß im ersten trüben Morgenlicht vorüberfließen, sah Wasservögel, die ihr Tagewerk begannen. Sie konnte das kühle Wasser schon fast fühlen, als sie ein furchtbarer Schlag zwischen die Schulterblätter traf und den letzten Meter in den Fluß schleuderte. Lachend stürzte sie auf die Wasseroberfläche zu. Ja, sie mochte tödlich getroffen sein, aber sie war Frei! Frei! Frei..... Die Fluten nahmen sie auf, wie eine Mutter ihre verlorene Tochter.

“Guter Schuß, Herr”, meinte Vicorin lapidar, als die hübsche Scootia irr lachend in den Fluten untergetaucht war. Wie es die Art eines guten Adjutanten war, nahm er Ilvas die Armbrust ab und reichte sie einem Lakaien weiter.

“Sucht ihre Leiche und schafft sie her. Wir müssen sicher gehen, daß die Brut wirklich tot ist.” Ilvas war ein mißtrauischer Mann und nicht für Schmeicheleien empfänglich.

“Natürlich Herr, in spätestens einer Stunde...”, wollte der Adjutant diensteifrig versichern, doch seine Stimme wurde von triumphierendem, nichtmenschlichem Gelächter übertönt. Der Fluß, der die braven Menschen von Pergiad so lange schon ernährt und versorgt hatte, zog sich aus seinem Bett zurück. Er bildete einen gigantischen Wasserberg, der binnen weniger Augenblicke den Horizont überragte. Und oben, auf dem Scheitel der Wasserberges, stand Cuna, die Wasserhexe.

Dies war das Ende Pergiads und der Beginn der schrecklichen Wasserhexe, die nie wieder eine menschliche Siedlung an ihrem Fluß geduldet hat. Von Pergiad blieb nichts als ein paar Ruinen, von Cuna blieb die Legende.

© Guido Krain